Die kalte Pose begegnet dem Mythos

Potsdam, Einstein-Forum

Nach einer Stunde Debatte hat Sophie Dannenberg – Autorin des Romans Das bleiche Herz der Revolution – das Publikum endlich da, wo sie es haben möchte: Eine Dame um die 60 beklagt mit vor Erregung zitternder Stimme "ihren Hochmut und ihre Gnadenlosigkeit gegenüber unserer Generation". Die 68er hätten sicher Fehler gemacht, gibt die Dame zu, aber sie selbst, eine Lehrerin, sei trotz allem stolz, an dem Mentalitätswandel hin zu mehr Liberalität in Erziehungsdingen mitgewirkt zu haben.

Rührend, wie sehr die im Potsdamer Einstein-Forum versammelten 68er von der 33-jährigen Sophie Dannenberg anerkannt, ja geliebt werden wollen. Sie können sich einfach nicht vorstellen, dass irgendwer unter ihren Errungenschaften gelitten hat. Man habe in einer muffigen Republik "das Fenster aufgemacht", sagt ein gut erhaltener Herr in bürgerlich-korrektem Aufzug. In den Kinderläden sei mancher Quatsch versucht worden, aber die Absichten seien doch wohl gut gewesen. Man habe, wirft eine Dame ein, nicht die Zerstörung der Familie per se gewollt, sondern "neue Formen der Geborgenheit". Wieder ein anderer lobt die Erfahrungen mit Drogen und Musik, die Lebensfreude der Bewegung, während ein weiterer Debattenteilnehmer die Hilflosigkeit und Verzweiflung der Revolte als ihren authentischen Kern herausstreicht.

Doch der Wunsch der Veteranen nach Anerkennung durch die Generation der Kinder spornt die junge Frau, die sich Sophie Dannenberg nennt, nur zu noch eisigerer Kälte an. Und so häuft sie in ihrer Rede Vorwurf um Vorwurf gegen die Revolutionäre von einst, die heute überall das Establishment stellen: Der Antiautoritarismus der Kinderläden war in Wirklichkeit eine pädophil angehauchte Erziehungsdiktatur. Die Elterngeneration wurde in Wahrheit nicht wegen ihrer NS-Verstrickung angeprangert, sondern weil sie den Krieg verloren hatte. Die 68er haben Familie und Heimat unmöglich gemacht und zeichnen für den Triumph der sexuellen Perversion sowie des Konsumkapitalismus verantwortlich.

Der allgemeine Unernst der Spaßkultur geht auf ihr Konto, aber auch der heilige Ernst der totalitären Utopien der Siebziger. Alles gipfelt in dem Vorwurf, die "68er haben Gott abgeschafft".

Es blieb Dannenbergs Podiumspartner, dem Soziologen Heinz Bude, vorbehalten, zart darauf hinzuweisen, dass die Autorin mit dieser Brandrede dem hybriden Selbstbild verpflichtet bleibt, das die Helden der Bewegung und ihre Renegaten verbindet: Während die einen sich die Zivilisierung und gar die "zweite Gründung" der Bundesrepublik zugute halten, wollen die anderen an ihrem Verfall schuld sein. In beiden Fällen bleibt die alte Allmachtsfantasie der Bewegung erhalten, der auch Sophie Dannenberg ex negativo verpflichtet ist.

Die kalte Pose begegnet dem Mythos

Sophie Dannenberg möchte einerseits ein Opfer sein. Sie tritt geradezu als eine 68er-Überlebende auf. Zugleich distanziert sie sich mit ihrer kalten Pose von allen Vermutungen persönlicher Betroffenheit. Doch in der Widersprüchlichkeit ihrer Vorwürfe zeigt sich ihre Fixierung auf die Generation, die sie auf den Müllhaufen der Geschichte befördern möchte: Man weiß am Ende nicht, was sie schlimmer findet – das Scheitern oder den Erfolg von 68, den Nihilismus oder die idealistische Hoffnung der damaligen Jugend.

Bei aller Ironie, bei aller demonstrativen analytischen Distanz wirkt Dannenberg merkwürdig unfrei. Wenn sie aufzählt, woran die übermächtigen Eltern schuld sind, packt einen als Generationsgenossen ein lähmendes Gefühl der Peinlichkeit: Verbietet die Selbstachtung nicht schon, sich in die mythische deutsche Generationengeschichte einzutragen, in der offenbar jede Kohorte sich darauf herausredet, von der vorhergegangenen verpfuscht worden zu sein? Man möchte doch wirklich nicht zu einer Generation gehören, die sich bis in die Midlife-Crisis immer nur im Gegenzug zu den Eltern zu definieren bereit ist. Jörg Lau