Bevor jemand anderer es enthüllt, gebe ich es selber zu: Ich nehme Anteil an den Liebesgeschichten prominenter Menschen. Dieser Fernsehaugenblick, als Roberto Blanco, dessen Gattin, wie ich aus anderen Fernsehaugenblicken weiß, von ihm genug hat, deren einzige Schwäche thematisierte, war erhebend. Ja, sagte er, da hat sie’s mit mir so lange ausgehalten, und jetzt – auf einmal – bin ich der Böse. Aber, sagte er, wäre ich wirklich der Böse, dann säße ich jetzt nervös vor Ihnen. Sehen Sie doch, wie ruhig ich bin! So ruhig kann ein Mann sein, der verkörpern muss, was er singt, nämlich Ein bisschen Spaß muss sein, was genauso fürchterlich ist wie alles, was sein muss.

Muss das sein, dass in letzter Zeit so viel Unglück die Prominenz traf? Udo Jürgens musste aus der Zeitung erfahren, dass die Gattin, ausgerechnet die eigene, mit Roland Schill in Hamburg gesichtet wurde. Ach, sie war mit Schill in ein Szene-Bistro gegangen, wo es als Vorspeise Krokodilschwänze und Champagner gab, danach Rinderfilet, Pfifferlinge, Scampi, Mineralwasser und Bier. Zu Mineralwasser und Bier habe auch ich Zugang, aber Krokodilschwänze, passen die überhaupt auf den Teller?

Wundersame Prosa der Liebe: Freddy Quinn, mein Idol seit der Kindheit, als Steuersünder angeklagt, weil ihn eine Exgeliebte anschwärzte… Von meiner Steuerberaterin weiß ich, dass das ein 08/15-Fall ist: Nach der Trennung, wenn sich einer der Partner verflüchtigt, um Gottes willen, vielleicht sogar in eine bessere Zukunft, kann das Finanzamt im Dienste der verschmähten Liebe noch einige Denkzettel austeilen.

Bei einem meiner einsamen Abendessen im Gasthaus Wickerl, 1090 Wien, Porzellangasse 24a, verschlang ich auch Liebeslyrik: Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt. Poesie für alle Liebeslagen; aus der Reihe Hanser bei dtv, herausgegeben von Anton G. Leitner. In dieser Auswahl – eine bessere kann ich mir nicht vorstellen – steht ein Gedicht von Franzobel, das Rechnung heißt; es rechnet das Ökonomische vor, das im "Diskurs" der Liebe, in ihrem Auf-und-Ablaufen zählt: "Du? Mit wem, das ist die Frage. Wer / addiert sich her, durchwatet plus / Herzensbruch. Was bist du wert? Bett / geteilt durch dir. Und wer? Was über / steht, ist Klammer / auf Verlorenheit, / verheiratet, was bleibt ist gleich und wer / liebt dich? Fang oben an."

Es ist eine Rechnung, die immer wieder aufgemacht werden kann. Das Gedicht bezieht sich auf sich selbst und der wirklich gründliche Leser kommt deshalb niemals aus ihm heraus: Am Ende angekommen, muss er, gehorsam wie er ist, oben wieder anfangen: eine Endlosschleife, entsprechend der Unberechenbarkeit, mit der die Lyrik der Liebe ja rechnen muss. Die Zeilen sind nicht nach dem Sinn geordnet; sie nehmen sich eine Freiheit, von der ich annehme, dass sie einen eigenen Sinn hat: In der ersten Zeile zum Beispiel steht großgeschrieben ein Wer nach dem Punkt allein da. Danach bricht die Zeile ab, ganz wie im Leben, denn ein Wer in der Liebesrechnung löst leicht den Schock aus, nach dem es nicht mehr einfach weitergeht.

Ich habe zwei andere Gedichte gefunden, die in sich geschlossen sind, indem sie am Ende wieder zum Anfang führen; eines von Friederike Mayröcker, ein Gedicht ohne Titel: "würde alles tun für dich wenn / du nur lebtest!" Und am Schluss heißt es: "…Weinen / würden wir trotzdem oft, weil / der Abschied noch vor uns läge –" Der Geliebte, poetisch wieder ins Leben gerufen, erweckt schließlich die Erinnerung an die frühere Zukunft, in der der Abschied erst bevorstand. Kommt der Abschied, dann gilt von neuem: würde alles tun!

Dann ein Gedicht von Michael Krüger, wiederum ohne Titel: "Den Sommer verbrachten wir / auf dem Dach des Hauses / Zwei Küchenstühle hörten sich / unsere Erzählungen an", und am Ende, also nach der Trennung, heißt es: "und ich erzähle zu Ende, was unsere Geschichte war". Die Geschichte war aber eben: Den Sommer verbrachten wir…