Alles in Brüssel muss einen schönen Namen haben. Doch hin und wieder hat die Eurokratenpoesie auch ihre Tücken. Als zum Beispiel Jean-Claude Juncker, der luxemburgische Premierminister, diesen Sommer im heimischen Wahlkampf (Sieger: Juncker) seinen Landsleuten die Bedeutung der "Lissabon-Ziele" erläutern wollte, unterbrachen ihn ungeduldige Wähler: "Reden Sie eigentlich schon von Ihrem Urlaub, Herr Juncker?"

Natürlich nicht. Die Lissabon-Ziele haben in diesem Fall ziemlich wenig mit Ferien zu tun. Stattdessen beschreiben sie das Vorhaben, die EU solle bis zum Jahr 2010 die "wettbewerbsfähigste wissensgestützte Wirtschaft der Welt" werden. Noch vor den Amerikanern.

So haben es Europas Staats- und Regierungschefs vor vier Jahren in der portugiesischen Hauptstadt festgelegt, betört von der Euphorie des Augenblicks – noch wuchs und wuchs die Blase der New Economy und mit ihr die Hoffnung.

Heute sind die Beteiligten längst ernüchtert. Zum Beispiel Romano Prodi: Erst vor wenigen Tagen warnte der scheidende Kommissionspräsident in der Financial Times vor dem "mangelnden politischen Willen" der Regierungen. Wenn das so weitergehe, werde Lissabon zum "Synonym für gebrochene Versprechen".

Bis in die EU-Gipfelkommuniqués hat sich Ernüchterung geschlichen. "Wenn wir die Glaubwürdigkeit erhalten wollen, müssen wir das Reformthema steigern", nahmen sich die Regierungschefs bei ihrem Frühjahrstreffen vor. Im Klartext hieß das: Wir haben in Brüssel viel versprochen, zu Hause aber bisher wenig umgesetzt. Diese Analyse wird von den meisten Beobachtern geteilt.

Ganz wollten Europas Chefs von ihrem damals in Lissabon geträumten Traum dann doch nicht lassen. Und so schufen sie ein 13-köpfiges Expertenteam, benannten die Gruppe nach einem ihrer Mitglieder – Hollands Expremier Wim Kok – und gaben ihr Zeit bis Herbst 2004, das aufgeblasene Projekt zu verschlanken. Beim EU-Gipfel diese Woche wird der so genannte Kok-Bericht nun präsentiert (siehe nebenstehenden Artikel von Thomas Mirow, dem einzigen deutschen Mitglied der Gruppe).

Bislang sind die Lissabon-Ziele so umfassend formuliert, dass jedem etwas Sinniges dazu einfällt. Wie das eben so ist mit blumigen Utopien: Jeder darf sich bedienen, jeder darf sie weiter ausmalen – die Unternehmerverbände, die Gewerkschaften, die Liberalen, die Linken. Sie haben das im Brüsseler Betrieb mit einer Unzahl kluger oder weniger kluger Beiträge getan.

Dort, wo das Lissabon-Programm konkret wird, gibt es bisher wenig Grund zum Jubel. Weniger Bürokratie? Mehr Arbeitsplätze? Da sieht es in vielen Mitgliedsstaaten ziemlich düster aus. In den vergangenen vier Jahren haben Wissenschaftler, Politiker und Praktiker die Lissabon-Strategie immer wieder begutachtet. Studie um Studie kommt dabei zur selben Binsenweisheit: Europa fehlt es schlicht am Wirtschaftswachstum, um Amerika zu überholen.