Flaubert jammert gern, der große Flaubert, er hat ein Faible fürs Jammern, eine Leidenschaft, und er ist zweifellos begabt darin, und wenn zum Beispiel er und sein Freund Turgenjew sich auf ihre alten Tage so richtig etwas vorjammern, das ist schon groß. Und sehr schön sieht man ihn gewissermaßen auch von außen fluchen und jammern, wo, in dem jetzt neu bei uns herausgekommenen Briefwechsel Flauberts mit den so wunderbar klatschsüchtigen Brüdern Goncourt, die Brüder dann in ihren Tagebuchnotizen erzählen, wie Flaubert sich wieder einmal aufgeführt habe, wenn sie mit Zola und andern Literaten ihrer Clique zusammensaßen und aßen und sich betranken.

Dieser neue Band von Haffmans Flaubert-Ausgabe, glänzend kommentiert, ist überhaupt eine wahre Fundgrube und macht neugierig auf die Goncourts selber, über Flaubert hinaus. Halb wahnsinnig etwa, und eben als müsse alles im Stil dieser Verrückten bleiben, ist zehn Jahre nach Flauberts Tod die Einweihung eines Denkmals für ihn in Rouen; der damals noch Lebende der Goncourts, Edmond, hatte sich sehr um ein solches Denkmal gekümmert und beschreibt nun diese Enthüllungsfeier bei grauenhaftem Novemberwetter und wie der Bürgermeister da eine endlose Rede hält, für die er, schreibt Edmond, am Jüngsten Tage zweifellos Prügel von Flaubert beziehen werde.

Dosen mit Eingemachtem explodieren, und einer hat die Syphilis

Natürlich jammert Flaubert nicht grundlos, besonders eben auf seine alten Tage nicht, und ein Grund namentlich taucht immer wieder auf, nämlich dass er sich seine letzten Jahre restlos vergälle, verätze mit zweien aus der quälenden Reihe seiner Kopfgeburten: mit Bouvard und Pécuchet. Das sind zwei Pariser Kontorschreiber, im gesetzten Alter beide, beide ledig, die sich zufällig begegnen, sich befreunden; dann erbt der eine so viel Geld, dass er mit der Arbeit aufhören kann, der andere macht noch ein bisschen weiter, der eigenen Rente wegen, dann ziehen sie aufs Land, in die Normandie, der mit dem geerbten Geld hat sich dort ein kleines Gut gekauft. Sie haben Pläne, sie wollen gewissermaßen das Erforschliche erforschen und danach vielleicht, wenn noch Zeit bleibt, das Unerforschliche ruhig verehren – goethesch geredet also, aber natürlich sind Goethes Zeiten längst passé, wir befinden uns im Zeitalter des absoluten Fortschritts.

Also, sie treiben Landwirtschaft, Archäologie, Philosophie, Chemie, alles; und alles wissenschaftlich untermauert, mit Hilfe der neuesten Literatur, unter Befragung namhafter Koryphäen, und sowohl theoretisierend als auch experimentell. Sie sind beide nicht recht gebildet, etwas unpraktisch auch, mit nur nebelhaften Ahnungen von den möglichen Zielen ihres Treibens, und so geht nahezu, oder eigentlich geht alles schief: Obstspaliere brechen zusammen, Pflanzen sterben ab, Dosen mit Eingemachtem explodieren, Maschinen gehen kaputt, Gedanken sagen dies und dann das reine Gegenteil davon, das verstehn sie nicht. Kinder, die sie gut machen wollen, bleiben dumm und böse, und als sie sich, wenn auch ein wenig abseits des sonst gemeinsamen Strebens, der Liebe nähern, ist der eine beinahe sein Erbe los, und der andere holt sich wirklich eine Syphilis. Jeder andre als er, schreibt Flaubert, hätte gesehn (und wir sehn es überdeutlich), dass die Art, wie die Magd sich hinlegt, klar verraten habe, wie viel Übung sie darin hatte.

Das klingt amüsant. Das Problem ist nur, dass keine Zusammenfassung dessen, was Flaubert da schreibt, in ihrer schönen Kürze anders sein kann als amüsant; dass aber das Buch, das Flaubert nun wirklich schreibt, und unter solchem Gejammere schreibt, sehr dick ist und immer dicker wird und noch viel dicker geworden wäre, wären den beiden Narren noch die letzten größeren sozialen Vorhaben gelungen, etwa eine Schule zur Verbesserung der Gesellschaft oder ein Bordell. Ganz am Ende hätten sie beide dann alles resümiert, hätten einen Riesenstammtisch gehalten über das ganze Abendland, die ganze Welt, Gott inbegriffen, es wäre alles für alle sehr abgründig geworden. Aber Flaubert starb dann (1880, geboren war er 1821).

In seiner unvollendeten Gestalt erschien das Buch dann im Jahr nach Flauberts Tod, und immer mehr kam man dahinter, dass, und so viel Fantasie und makabren Humor hätte keiner sonst aufgebracht, Flaubert vorhatte, das ganze und eben nur als Gedanke so amüsante Werk noch einmal zu toppen mit seiner wirklichen Wahrheit sozusagen: nämlich mit einer Aneinanderreihung all des unsäglichen Materials, an dem die beiden normannischen Helden (samt Flaubert und uns) gescheitert waren. Sie hätten sich nämlich, dies der Plan, wieder nach Paris begeben, an ein Zweierschreibpult und, sie sich vorlesend, all die Bücher exzerpiert, die ihnen das Jahrhundert und die Welt hatten erklären sollen.

Das heißt, Flaubert hatte vor, nahezu ohne einen eignen Satz ein gewaltiges Kompendium all der Dummheiten herzustellen (und für ihn war im Grund alles Dummheit, was nicht die Form seiner Sätze hatte, rein die Form), die er während der bejammerten Arbeit an Bouvard und Pécuchet zusammengetragen hatte: aus philosophischen, naturwissenschaftlichen, schöngeistigen, literaturkritischen Büchern, aus Zeitungen, überallher. Es ist auch schwer zu sagen, ob er dabei dann noch viel mehr gejammert oder mit dem Jammern ganz aufgehört hätte; denn wenn ihn überhaupt etwas, und gerade weil es der Gegenstand seines Jammerns war, am Leben gehalten hatte das Leben lang, dann war es eben das Schreiben gewesen, wenn auch das Schreiben eigner Sätze – und mit einem Mal nun, als er sich dem Ende des geschriebenen Buchs nähert, redet er wie vom Gipfel seines Schaffens von diesem Vorhaben eines Buchs, in dem kein Satz mehr von ihm selber ist. Als wäre er dann der dritte seiner Helden, oder die Wahrheit beider; oder als wäre dies der Traum des modernen Schriftstellers: nichts mehr zu sein als rein der versteckte Held des letzten Buchs.