Im Jahr 911, das ist längst vergessen, wurde der Frankenkönig Konrad I. zum König von Ostfranken gewählt, und der Normanne Rollo erhielt von Karl dem Einfältigen die Seine-Mündung zum Lehen. Im Jahr 1109, auch das ist lange vergessen, starb der englische Philosoph Anselm von Canterbury, dem wir den ontologischen Gottesbeweis verdanken.

Wer verfiele schon auf die Idee, diese Daten zu suchen, hätte die Geschichte nicht die eigentümliche List entwickelt, mit den Zahlen Neun und Elf ein Spiel zu treiben, das die Arbeit der Erinnerung auf den Plan ruft, um nicht dem magischen Denken das Feld zu überlassen. Denn warum nur war die Geschichte, der doch alle Tage des Jahres zur Verfügung ständen, um die Menschen das Erinnerungswürdige anzetteln zu lassen, so beschränkt, sich auf die Zahlen Neun und Elf einzupendeln?

Am 9.11. wurde die deutsche Republik proklamiert, das war 1918. Am 9.11. scheiterte Hitlers Putschversuch, das war 1923. Am 9.11. organisierten die Nazis, auch um sich dafür zu rächen, die Judenpogrome, das war 1938. Am 9.11., vor 75 Jahren genau, wurde Imre Kertész geboren, Nobelpreisträger der Literatur. Am 9.11. schließlich fiel die Berliner Mauer in sich zusammen, das war 1989. Und als gelte es, mit dem Datum ein makabres Spiel zu treiben, drehte die Geschichte die Zahlen mal um, stellte die Elf vor die Neun: Am 11.9., der eben noch als Geburtstag des Philosophen Adorno das Gedächtnis besetzte, brach der Terror nach Amerika ein und fügte New York seine entsetzliche Wunde bei.

Vielleicht spielt die Geschichte diese Etüden, um die Menschen zu bewegen, sich in die Magie der Zahlen zu fügen und der Macht des Schicksals ergeben ins Auge zu sehen. Vielleicht aber ist es auch anders, und sie will, dass wir als ihre Verfasser "die Geschichte" entthronen, um uns vor der Mühsal nicht drücken zu können, die Kunst der Unterscheidung, der Analyse, des Arguments zu erlernen und die Erinnerung in ihr Recht zu setzen, über die außer uns keiner verfügt.

Die Geschichte – nehmen wir sie kurz als die der Fiktion: Als Alice im Wunderland der weißen Königin begegnet, wer erinnert sich, verspricht ihr diese Dame Marmelade: "Das Prinzip ist: morgen Marmelade und gestern Marmelade – aber nie Marmelade heute." Das Gedächtnis solle so vorwärts und rückwärts arbeiten. Alice, die Kluge, ruft: "Was noch nicht passiert ist, kann man sich doch nicht merken!" Genau. Das Gedächtnis kümmert sich um das Gestern, und die Mühe soll ihm niemand entwinden, nicht die Magie, nicht die Geschichte, nicht die vergangenheitsüberdrüssige Lust auf das Morgen und auch keine weiße Königin.