Als Kind lernte ich, dass man nicht schlecht über andere Menschen reden soll. Dass man sich nicht lustig machen darf über sie, wenn sie doof aussehen oder einfach nur bescheuert sind – wäre ja möglich, sie können nichts dafür.

Elmer war fett und selbst dran schuld. Tatsächlich war er der fetteste Junge, den ich je zu Gesicht bekommen hatte. Jeden Freitagnachmittag, wenn ich mit meinen Eltern nach der einstündigen Autofahrt auf dem Zeltplatz ankam, gab es mehr Elmer als am Wochenende zuvor. Er trug Plastiktüten von Lidl oder Aldi mit sich herum, die er uns anderen Kindern unter die Nase hielt.

"Willste Lecker?"

Es gab einige andere Kinder auf dem Zeltplatz. Brecht war mein bester Freund. In die rothaarige Rieke, die Rocksängerin werden wollte, war ich verknallt. Sie konnte nicht singen, aber mir gefiel die Begeisterung, mit der sie es nicht konnte. Noch besser gefiel mir Britta, der in jenem Sommer ein ziemlich guter Busen wuchs. Er machte mich völlig wuschig, dieser Busen. Gleichzeitig schüchterte er mich ein, also blieb ich vorsichtshalber erst mal in Rieke verknallt.

Es gab da noch so diesen und jenen.

Und es gab Elmer.

Seine Plastiktüten waren magisch. Wie oft man auch in sie hineingriff, blieben sie scheinbar dennoch immer bis zum Rand gefüllt. Schokoriegel und Kaugummis, Gummidrops, Lakritze, Minisalamis, krachscharfe Chips. Und das waren nur die Sachen, die obenauf lagen.

Elmer nervte. Keiner wollte freiwillig mit ihm spielen. Er war zu langsam, falls man schnell von den Weibertoiletten abhauen musste, in die man durch eine Ritze in der Wand gucken konnte. Er war zu unbeholfen, um von einem Baum wieder runterzukommen, auf den er geklettert war – falls er es überhaupt höher als einen Meter schaffte. Er hatte kleine Schweineaugen und eine Stimme, die klang, als würde jemand Mickymaus erwürgen. Außerdem roch er manchmal komisch, und er war ein Angeber; einer von denen, denen keiner was glaubt, weil sie einfach zu sehr übertreiben.