Kleiner König, wo bist du? Unterwegs zwischen den Seiten eines Buches. Auf dem Titelbild kann man ihn gleich zwei Mal entdecken. Mit roter Nase und kreisrunden Wangen sitzt er in einem Buchflugzeug, auf dessen Rumpf wiederum ein Buch abgebildet ist mit einem König, der in einem Buchflugzeug sitzt, der ... Eine Geschichte in der Geschichte also, die Antonie Schneider unbefangen nach bekanntem Muster erzählt. Doch die Französin Isabel Pin versetzt sie mit ihren Bildern in eine Atmosphäre, in der Wirkliches, Unwirkliches und šberwirkliches ein harmonisches Ganzes bilden. Sie schafft eine schöne Ruhe, reizt den Betrachter, den kleinen König genussvoll und langsam auf seiner Reise zu begleiten. "Bitte, schau mich an! ruft das Buch."

Weg aus seinem kleinen Haus, weg von Tisch und Stuhl geht er, mitten hinein in Landschaften, in denen Tiere den kleinen König fragen, wer er sei, und dicke Schiffe ihn begrüßen. Isabel Pin entführt in eine grenzenlose Ferne, in der aus der Weite des Himmels die Stimme des Mondes tönt und in der unter seltsam beblätterten Bäumen ein kleines Mädchen schaukelt und den kleinen König bezaubert. Hand in Hand wandern die zwei durch einen kahlen, hochstämmigen Wald, treffen dort einen großen, grauen Osterhasen, der ihnen ein bemaltes Ei schenkt, mit der Bitte, ihn nicht zu vergessen.

Am Ende dieser Geschichte in der Geschichte, als all die Gestalten zwischen den Buchseiten verschwunden sind, wird deutlich - dieser kleine König ist ein Junge. Nach seiner erträumten, königlichen Reise hält er das geheimnisvolle Buch im Arm und schläft. Nun liegt seine Krone auf der Bettdecke, und nur das Ei steht winzig klein in der Ecke des Kinderzimmers - gemalter Beweis, dass etwas bleibt vom Erlebtem im Land der Bücher.

In konsequenter Knappheit inszeniert Isabel Pin diese fantastische Geschichte als Augenreise. Seite für Seite macht sie mit einem fingierten farbigen Buchschnitt die Dauer der Buchreise sichtbar. Sie aquarelliert dieses Land der Fantasie in weiten farbigen Flächen, die mit der Horizontlinie spielen. Warme Farben, Ocker, helles Gelb, warmes erdiges Braun, rostiges Rot, bestimmen den Grundton. Er wird von einem Kanon der Farbe Grün begleitet, der niemals kalt erscheint. Sparsam bevölkert die Künstlerin die sanft mit Weiß aufgehellten Bildräume. Nur wenige Dinge tauchen in den ausgewogen komponierten Seiten auf, doch sind selbst winzige Gegenstände klar zu erkennen. Isabel Pin nutzt die Linie, um zeichnend zu erzählen und das Auge im Fluss der Farbe festzuhalten.

In ihrer Interpretation der Geschichte erweckt ein Kind Dinge zum Leben. Isabel Pin setzt auf die Kraft der Fantasie, die im Moment des scheinbaren Stillstandes, vielleicht sogar der langen Weile, wunderbar zu wirken beginnt. Es ist ein Buch, das zum Gefährten wird. Morgen schon "machen wir wieder eine Reise, ich und du?"

LUCHS 213 wurde ausgewählt von Gabi Bauer, Elisabeth Hilde Menzel, Andreas Steinhöfel und Konrad Heidkamp. Am 4. November, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen-Funkhaus Europa das Bilderbuch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch zum Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de

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