Struga ist klein, hübsch, und am kommenden Sonntag entscheidet sich, ob die Stadt einen unrühmlichen Platz in der Geschichte Makedoniens einnehmen wird. Denn in Struga könnte das Ende des Staates Makedonien eingeläutet werden. Dafür kann die Stadt wenig. Es ist nur so, dass gerade hier sich der jahrelange Streit zwischen Albanern und Makedoniern zugespitzt hat und am 7. November in einem Referendum seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen wird.

37000 Einwohner hat Struga, 48 Prozent davon sind Makedonier und 42 Prozent Albaner. In Zukunft soll das anders sein. Denn die Regierung in Skopje hat entschieden, dass die Gemeindegrenzen neu gezogen werden sollen. In den neuen Grenzen wird Struga 63000 Einwohner haben, 57 Prozent Albaner, nur noch 32 Prozent Makedonier und 6 Prozent Türken. Diese Aussicht hat eine nationalistische Vereinigung namens Makedonischer Weltkongress auf den Plan gerufen. Sie hat 180000 Unterschriften gesammelt, um die Änderung der Gemeindegrenzen in Makedonien zu verhindern. Damit hat sie das Referendum erzwungen. Für den Fall des Erfolges wird die Regierung in eine schwere Krise geraten, vielleicht gar zurücktreten.

Auf den ersten Blick erscheint das Ganze wie eine Provinzposse. Schließlich würde die neue Grenzziehung für Struga allenfalls bedeuten, dass der heutige makedonische Bürgermeister von einem albanischen abgelöst wird. Aber solche Provinzpossen haben auf dem Balkan die Eigenschaft, dass sie schnell gefährlich und mitunter blutig werden können.

Makedonien befand sich im Sommer 2001 am Rande eines Bürgerkrieges, weil albanische Extremisten mit Waffengewalt mehr Rechte für die albanische Minderheit erzwingen wollten. Nur der gemeinsame, massive Einsatz der Nato und der EU verhinderte, dass Makedonien völlig ins Chaos abglitt. Die EU zwang den Streitparteien das so genannte Ohrider Abkommen auf, das den Albanern mehr Rechte einräumte. Das Herzstück dieser Reformen ist die Neuordnung der Gemeindegrenzen. Und Struga ist ihr prominentestes Beispiel.

Nachdem die Regierung, eine Koalition aus Sozialdemokraten und albanischen Parteien, im August ihre Pläne bekannt gegeben hatte, kam es in Struga zu einem Gewaltausbruch . 14 Polizisten und 15 Zivilisten wurden verletzt. Das waren die schwersten Auseinandersetzungen seit 2001.

Auch drei Jahre nach dem knapp verhinderten Bürgerkrieg ist das Vertrauen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen nicht gewachsen. Es hat eher noch abgenommen. Die Makedonier verdächtigen albanische Politiker,das Land teilen und einen großalbanischen Staat schaffen zu wollen, der auch den Kosovo und Albanien mit einschließen soll. Mit zweideutigen Bemerkungen haben führende Politiker der Albaner diese Furcht in der letzten Zeit durchaus befeuert. Eine Teilung würde nicht nur das Ende des Staates Makedonien bedeuten. Es würde die Makedonier als "Volk" in eine Überlebenskrise stürzen – denn keiner ihrer Nachbarstaaten erkennt sie als solches wirklich an.

Gelingt das Referendum, und wird dem Ohrider Abkommen das Kernstück genommen, ist das mehr als nur eine Niederlage für die EU. Makedonien ist die einzige Krisenregion, die allein von Europa "betreut" wird.