Das Misstrauen zwischen Israelis und Palästinensern ist so groß, dass ein oktroyiertes Friedensabkommen allein nicht funktionieren konnte, sagt der israelische Psychologe Dan Bar-On. Wer mit israelisch-palästinensischen Gruppen gearbeitet habe, hätte sofort erkennen können, dass die Osloer Verträge ohne langfristige Vermittlungsarbeit an der Basis zum Scheitern verurteilt waren. Kriegsmüde hätten sich jedoch alle nach Frieden gesehnt und die Realität ignoriert. Er selbst sei in diese Illusionsfalle getappt.

In seinem neuen Buch erzählt der große Mann des Dialogs erstmals sehr persönlich über seinen eigenen Werdegang und fügt seine Projekte der vergangenen 30 Jahre zu einem beeindruckenden Gesamtbild zusammen. Bar-On kam 1938 in Haifa zur Welt, nachdem seine Eltern vor den Nazis aus Hamburg nach Palästina geflüchtet waren. Erst nach Jahren der Anpassung an den israelisch-zionistischen Lebensweg war er in der Lage, sich von den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien und seinen eigenen Weg zu gehen – professionell als innovativer Psychologe und politisch als einer, der sich im breiten Spektrum der israelischen Friedensbewegung engagiert, aber immer ein Einzelgänger geblieben ist.

Dan Bar-On, der an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva lehrt, schwamm schon in den siebziger Jahren gegen den Strom, als er Überlebende des Holocaust interviewte. Er rührte damit an ein gesellschaftliches Tabu, denn mit dem Leid der Nazi-Opfer wollten die israelischen Pioniere sich nicht belasten. In den Achtzigern enthüllte er auch in Deutschland Die Last des Schweigens, so der Titel eines seiner vielen Bücher, als er mit den Nachkommen der Nazi-Täter sprach. Opfer- und Täterkinder führte er von 1992 an in einer gemeinsamen Gesprächsgruppe zusammen; der Prozess der Annäherung war schmerzhaft, aber erfolgreich: Aus Hass und Angst entstand ein Dialog. Daraus ging schließlich ein breiterer Gesprächskreis hervor, der die Betroffenen aktueller Konflikte einbezog, darunter Juden und Palästinenser.

Bar-Ons Berichte über diese Begegnungen sind bewegend und unentbehrlich für das Verständnis von Konflikten und Konfliktbearbeitung. Wie mühsam der Kontakt zum "Anderen" ist, beschreibt er in eindrucksvollen Szenen: "Die Sensibilität zwischen ›ihnen‹ und ›uns‹ war … so hoch, dass sogar das Töten einer (israelischen) Mücke von einem (deutschen) Menschen eine Erklärung erforderte." Jüdische Israelis fühlen sich von den Palästinensern missachtet, weil diese ihre Erfahrungen mit dem Holocaust ignorieren; und die Palästinenser haben den Eindruck, durch die erdrückenden Schoah-Erzählungen keinen Raum mehr für ihr eigenes Leid zu bekommen. Die Essenz jedes Dialogs ist es, die Geschichte des Anderen anzuhören und seine Wahrnehmungen zu respektieren: "Wir realisierten, dass das Akzeptieren von Unterschieden nicht bedeutete, dass man mit allem in den Konstruktionen der Anderen einverstanden sein musste."

Auch Bar-Ons Interviews mit Bewohnern von Haifa sind von großem Erkenntniswert. Die historisch bedeutsamen Aussagen sephardischer, aschkenasischer, christlich- und muslimisch-arabischer Einwohner der israelischen Küstenstadt erklären nicht nur die Vergangenheit, die sich meist ganz anders darstellt als offiziell wiedergegeben, sondern auch die Konflikte der Gegenwart. Besonders interessant sind hier die Erzählungen alter Mitglieder der kommunistischen Partei Israels – seit jeher die einzige Oase einer gut funktionierenden jüdisch-arabischen Partnerschaft, die über die Politik hinaus ins Private reicht.

Gesellschaftliche Veränderungen, sagt der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Autor, brauchen viel Zeit und benötigen über den politischen Einfluss hinaus auch gezielte Friedensarbeit mit den verfeindeten Menschen, sodass eine Basis für Verständigung entstehen kann. Trotz aller Hindernisse und Rückschläge ist es für ihn schon ein Erfolg, wenn das Schweigen durchbrochen und "Inseln der Vernunft" geschaffen werden können.