Ecuador in den frühen sechziger Jahren, ein Militärputsch: Trotz Ausgangssperre ist ein Taxi auf dem Weg zum Hafen von Guayaquil. Der Chauffeur lässt sich zwar von einer Straßensperre nicht aufhalten, wird aber wenig später von einem Militärjeep gestoppt. Sein Fahrgast ist ein junger deutscher Tourist namens Peter Eigen, der das Land verlassen will. Weil Eigen das Schiff erreichen muss, auf dem er anheuern will, hat er eine Zehn-Dollar-Note in den Pass gelegt, den er den Soldaten zur Kontrolle reicht. Das Schmiergeld hilft, das Taxi darf weiterfahren.

Es sei in seinem Leben das einzige Mal geblieben, dass er jemanden bestochen habe, sagt der 66-Jährige. Eigens Name steht heute für den Kampf gegen die Korruption – weltweit. Jahrzehntelang arbeitete er für die Weltbank, dann gründete er die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International. Als Vorsitzender leitet er sie mit leidenschaftlichem Engagement. Ihr Ziel ist nicht, einzelne Fälle aufzudecken, sondern bei Politikern und Unternehmen für Strukturen einzutreten, die Korruption verhindern. So reagiert er auf die jüngsten Fälle im Berliner Verkehrs- und Bauministerium gelassen. Dass die Vorgänge verfolgt und nicht unter den Teppich gekehrt werden, ist für Eigen ein Beleg dafür, dass die Kontrolle im Ministerium funktioniert.

Eigen ist Idealist, aber kein verbissener Eiferer. Ein stattlicher Mann mit weißem Haarschopf, buschigen Augenbrauen, offenen blauen Augen, gebräuntem Teint – er sieht aus wie Ben Cartwright aus der Fernsehserie Bonanza, aber er ist kultiviert und weltläufig. Und ein Menschenfreund, voller Emotionen, aber beim Durchsetzen seiner Ideen zielstrebig bis zur Dickköpfigkeit. Eigen habe die »naive Überzeugung, man könne etwas ändern«, sagt Hansjörg Elshorst, ein ehemaliger Geschäftsführer der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, der den Transparency-Chef seit mehr als drei Jahrzehnten kennt. Deshalb lässt der Mann einfach nicht locker – bis er sein Ziel erreicht hat.

Was treibt Eigen an, erst bei der Weltbank in seinem Kampf gegen die Armut und dann in seinem Kampf gegen Bestechung und Bestechlichkeit? Bei dem Elend in der Dritten Welt befalle ihn, sagt er, ein »fast physisches Gefühl der Verzweiflung«. Es gab ein Schlüsselerlebnis, eine mehrmonatige Reise durch Lateinamerika. Damals war Eigen Student und hatte gerade ein Jahr an der Universität von Kansas in den Vereinigten Staaten verbracht. Der gebürtige Augsburger, der nach seinen Worten »in einer gutbürgerlichen, verhältnismäßig wohlhabenden Familie« aufgewachsen war, begegnete in Lateinamerika zum ersten Mal in seinem Leben der Armut. Der Subkontinent sei »damals noch sehr stark geprägt vom amerikanischen Imperialismus und von Ausbeutung« gewesen.

In Chile traf er auf einen Vertreter der Weltbank, einen Deutschen. Der überzeugte ihn von der Arbeit der Weltbank – hochprofessionell für die Entwicklung der ärmsten Länder der Welt zu wirken. Zurück in Deutschland, beschloss Eigen, sein Studium möglichst gut abzuschließen und sich vielleicht zu habilitieren – in der Hoffnung, als Professor für Wirtschaftsrecht von der Weltbank eingestellt zu werden.

Durch seine Lateinamerikareise sei er, so sieht er es heute, »politisch richtig aufgewacht«.

Er war ein Linker. Seine Karriere lief freilich anders als geplant. Die Habilitationsschrift ist nie über eine Sammlung von einzelnen Karteikarten hinausgekommen. Der Grund dafür war der Frankfurter Professor Heinrich Kronstein, ein Emigrant, der einen Lehrstuhl an der Georgetown University in Washington hatte und der Eigen nach Amerika mitnahm. Dort befasste sich Eigen mit Wettbewerbsrecht. Seine damals gewonnene Erkenntnis: Man müsse den Wettbewerb gegen Kartell- und Monopolbildungen schützen, um die Macht der multinationalen Konzerne zu begrenzen, damit sie der Gesellschaft nützen.