Wir hätten ihn im Fernsehen fast nicht erkannt. Der ältere Herr, der da vergangene Woche in Ramallah in grünem Wintermantel und mit grauer Pelzmütze ins Flugzeug nach Paris stieg, um sich dort ärztlich behandeln zu lassen, PLO-Führer Jassir Arafat, trug kein Palästinensertuch. Die meisten von uns werden sich nicht erinnern, Arafat je ohne gesehen zu haben. Seit Jahrzehnten ist das Tuch sein Markenzeichen. Eine Zeit, in der es in Europa zum linksalternativen Erkennungszeichen wurde, dann zum legeren, beinahe inhaltsleeren Modeaccessoire und schließlich zur Antisemitismus-Chiffre bei Neonazis. Ob der Friedensnobelpreisträger sein Kopftuch auf der NPD-Demonstration am 1. Mai in Berlin gesehen hat?

Der weiße, mit Bommeln gesäumte Baumwollstoff mit dem schwarzen oder roten Hahnentrittmuster wurde in den achtziger Jahren zur großen Protestmode. Ob in Brokdorf oder beim Ostermarsch - die Aufmüpfigen erkannten sich am Palituch.

Es war die Zeit, in der noch strenge Bekleidungscodes galten. Als rote Senkel in Schnürstiefeln noch Anarchie bedeuteten und die guten Skinheads von den bösen unterschieden. Das Palästinensertuch war womöglich die lässigste Form, seiner Protesthaltung Ausdruck zu verleihen. Es roch nach Häuserkampf und Hüttendorf - in brenzligen Situationen konnte man sein Gesicht damit verhüllen. Jeder Fleck suggerierte Sitzstreik und Schlammschlacht, selbst wenn der WG-Genosse damit bloß seinen verkleckerten Kaffee aufgewischt hatte (die Ähnlichkeit mit einem Küchenhandtuch ist ja groß). Dass es auch ums Aussehen ging, um modisches Understatement und die erotische Koketterie mit Gefahr und Gefängnis, hat man damals nicht zugeben können.

Offiziell ging es um Solidarität. Mit Palästina. Gegen Israel. Die Frage nach der historischen Herkunft hätte viele jugendliche Palituch-Träger aber wohl in ähnliche Verlegenheit gebracht wie die Frage nach dem Verhältnis von Bundestag zu Bundesrat. Eigentlich heißt die traditionelle Kopfbedeckung aus den ländlichen Gebieten Arabiens Kafiya. Sie wird, als Sonnenschutz um den Kopf gewickelt, mit einer Kamelhaar-Schnur namens Agal befestigt. Hier und da mag sich immerhin herumgesprochen haben, dass der Sechstagekrieg, den Israel 1967 gegen die Araber gewonnen hatte, eng mit dem Einzug des Palästinensertuches in die Kleiderschränke der bundesrepublikanischen Linken zusammenhing. Innerhalb weniger Wochen waren Weltbilder kollabiert. Auf einmal war Israel = USA = Imperialismus und also bekämpfenswert, während die palästinensische Untergrundorganisation al-Fatah, deren Protagonisten bis dahin als hinterwäldlerische Nationalisten gegolten hatten, in der Sympathieskala direkt neben den Vietcong rückte.

Dadurch war mit dem Palästinensertuch von Anfang an beides verbunden, der Widerstand von Menschen gegen die Besetzung ihres Landes und der Antisemitismus, der die Gegner ins Meer treiben wollte. Ein frühes Beispiel für die Ambivalenz des Tuches liefert der israelische Journalist Danny Rubinstein in seiner Arafat-Biografie. Er recherchierte, dass dem Tuch 1936 bis 1939 eine unrühmliche Rolle bei einem profaschistischen Aufstand in Palästina zukam. Die rebellierenden ländlichen Fedajin, so Rubinstein, verlangten von den Arabern in den Städten, den türkischen Fez und die europäischen Hüte gegen die Kafiya einzutauschen. Wer der Aufforderung nicht nachkam, wurde aufgegriffen und verprügelt.

Heute wiederum kann es jungen Palästinensertuch-Trägern in Berlin passieren, dass sie auf der Straße angesprochen werden und ihnen vorgeschlagen wird, das Palituch gegen ein einfaches schwarzes Tuch zu tauschen. Die Antifa Hohenschönhausen hat diese Aktion gestartet. Junge Aktivisten verteilen Flugblätter, auf denen flotte, an die späten siebziger Jahre erinnernde Slogans stehen wie Time for a Change oder Back in Black. In ihnen wird die Geschichte des Palästinensertuches erklärt und dass auch religiöse Fundamentalisten und Neonazis dieses Tuch tragen. Hoppla. Man wollte doch bloß cool aussehen. Aber ein schwarzes Tuch sieht doch auch cool aus. 30 Tücher, berichtet die Gruppe stolz, hat sie schon ausgewechselt.