Es gibt nichts Schlimmeres als Freiheitsberaubung. Den regierenden Trotteln in der DDR habe ich die Einschränkung der Reisefreiheit nie verziehen. Zum einen ob ihrer Ignoranz gegenüber Fremdsprachen. Dass ich nicht mal richtig Russisch lernte, lag allerdings auch am pubertären Protest, mit dem ich mich der Infiltration durch russische Texte entziehen wollte. Außerdem trage ich der DDR nach, dass sie mich um die Chance gebracht hat, Paris als junger Mensch zu erleben. Vor drei Wochen, erstmals allein und mit viel Zeit in der Stadt, wurde mir schlagartig bewusst: Mit 45 bleiben mir Dinge notgedrungen verschlossen, in denen ich mich mit 17, 18 oder 25 wunderbar hätte verlieren können.

Dass wir uns zu DDR-Zeiten dennoch frei fühlten, zumindest die Boheme, in der ich verkehrte, lag an der permanenten Bewegung, in der wir uns befanden; auch wenn wir uns dabei im Kreise drehten. 1982 gründete ich direkt nach dem Wehrdienst das Berliner Bohème-Theater, mit dem wir umherzogen und auf der Straße auftraten. Wir lebten den Traum von einer toleranteren, aufregenderen, glitzernderen Welt, den wir, nun da uns die Welt offen steht, nie wieder träumen werden.

Entgegen dem Wunschdenken der Westdeutschen galt nicht dem zweiten Deutschland unsere Sehnsucht, sondern dem American Way of Life. Für uns übersetzt hieß das: das Bündel schnüren und losziehen, so wie bei Hermann Hesse und in der Wandervogelbewegung, die bei uns Anfang der Achtziger wieder aufkam. So lernte ich die DDR von unten kennen. Über Wochen ständig woanders nächtigend, landeten wir bei den verkommensten, aber auch den gastfreundlichsten Menschen. Das war unsere Vorstellung von Unendlichkeit.

Im wirklichen Leben kam ich bis Polen. Mein Vater hatte in Masuren auf einer großen grünen Wiese illegal ein Haus gebaut, wo ich als Kind die Ferien verbrachte. Heute liebe ich dieses Volk von Anarchisten, das sich durch eine Diktatur weniger als alle anderen Europäer in den Griff kriegen lässt.

Aufbegehren war damals auch mein Ziel, ohne selbst Schaden an Leib und Seele zu nehmen. Später, nach vier Jahren Drangsalierung auf der Schauspielschule, erkannte ich jedoch, dass ich in der DDR niemals Erfolg haben würde. 1988 stellte ich meinen Ausreiseantrag. Ohne Erfolg.

Dann kam der Mauerfall. Bei meiner ersten Reise kurz darauf zog es mich zum Wiener Burgtheater. Ich klopfte an die Pforte, ich sei auch Regisseur, aus dem Osten, und könne mir keine Karte leisten. Man ließ mich ein. Die Pracht des Hauses hat mich nachhaltig beeindruckt.

Meine Arbeit führte mich in den vergangenen 15 Jahren nicht nur zurück an die Burg, sondern mindestens einmal rund um den Globus. Trotzdem ist es mir nie gelungen, meine Idealvorstellung vom Reisen auszuleben: lang und ausgedehnt, nach China, Tokyo, am Rande der Metropolen und am liebsten im Schritttempo.