So ein Batzen Fleisch! Das war eine neue Erfahrung. Das kannte ich nicht aus meinem Heimatort Sebnitz in der Sächsischen Schweiz. Ich habe also meine Jacke ausgezogen, die Ärmel hochgekrempelt und die Kalbshaxe vertilgt. 14 Jahre war ich da alt. Ein Verwandter aus dem Westen hatte mich ins Münchner Hofbräuhaus mitgenommen. Als Kind – das war noch vor der Mauer – bin ich häufig bei Verwandten und Freunden in Bayern gewesen. Schon damals haben mich die Berge fasziniert. Aber am meisten beeindruckt hat mich die Haxe.

Zu Mauerzeiten war ich nicht im Westen, weder beruflich noch privat. Ich wurde zwar zu internationalen Tagungen zum Thema Psychotherapie eingeladen, durfte aber nie fahren – ohne Begründung. Nach der Wende habe ich dann meine Stasi-Akte gelesen und bin auf 15 IMs im Freundes- und Kollegenkreis gestoßen. In der Akte stand, dass ich als feindlich-negative Kraft gelte, die in Gefahr sei, zu fliehen oder sich mit dem Klassenfeind zu verbünden. In der Tat hatte ich mit dem Gedanken mehr als gespielt und war eine Zeit lang auf einer Schleuserliste. Die Stasi hatte auch festgelegt, dass ich in der DDR keine Karriere machen soll. Dass ich zwar im Diakoniekrankenhaus meine Arbeit machen, aber keine Außenwirkung entfalten darf. Das hieß: keine Vorträge, keine Westreisen. Erst kurz vor dem Mauerfall gab es Reiseerleichterungen, und da besuchte ich meine Großtante in Ruhpolding und fuhr von dort heimlich zu einer Tagung.

Das Verbot, in den Westen zu reisen, hat bei mir ambivalente Gefühle ausgelöst. Man kann doch nicht sterben, ohne den Eiffelturm gesehen zu haben!, dachte ich voll Empörung, Zorn und Verzweiflung. Schließlich hatte ich in der Schule Französisch gelernt, als Student Sartre und Camus gelesen und immer gern Chansons gehört. Andererseits hätte ich mich nicht wohlgefühlt, als Westreisekader privilegiert zu sein. Zu meiner Identität in der DDR gehörte es, dass ich in innerer Opposition war. Tagungsteilnehmer aber mussten hinterher zum Beispiel immer Auskunft geben, was sie erlebt und welche Referenten sie kennen gelernt haben. Ich habe mich gefragt: Mein Gott, würde ich das tun? Ich war also irgendwie auch ganz froh, dass es nicht geklappt hat. Den gegenüber Reisekadern gehegten Stasi-Verdacht hätte ich mit einem reinen Gewissen zwar noch ausgehalten. Aber etwas haben zu dürfen, was 99 Prozent nicht haben – das wäre mir nicht recht gewesen.

Ich habe dann auch nicht viel nachgefragt, wenn Kollegen von Westreisen wiederkamen, vielleicht aus Neid. Die Kollegen selbst haben auch nicht viel erzählt, aus Unsicherheit. Wenn man allzu schwärmerisch vom Klassenfeind berichtete, hätte einen ja jemand denunzieren können.

Besonders schmerzlich waren die Postkarten aus aller Welt. Freunde und Kollegen, die abgehauen waren, schickten regelmäßig ihre Grüße aus Paris oder den USA. Die Karten habe ich mehr oder weniger gleich weggeworfen.

In gewisser Weise haben zwar Bücher Reisen ersetzt, weil sie die Fantasie anregten und Informationen über fremde Kulturen transportierten. Ich habe oft mit Freunden Literaturabende veranstaltet. Dennoch habe ich mich eingesperrt gefühlt, denn Reisen war für mich immer ein Grundbedürfnis. Ich bin von Natur aus neugierig, kreativ und aktiv. Nach Osteuropa bin ich jedes Jahr privat gefahren, einmal sogar in die Mongolei, das war sicher das spannendste Erlebnis. Diese unfassbare Weite! Keine Schornsteine vor dem Horizont! Die Landschaft symbolisierte für mich Unbegrenztheit und Freiheit.

Gleiches erlebte ich nach der Wende an einigen anderen Orten: auf der Zugspitze, vorm Kölner Dom, am Rhein und in Paris natürlich. Ich war tief erschüttert, auch weil ich plötzlich begriff, dass im System DDR ein persönliches Problem verborgen geblieben war. Ich konnte immer denken: Die DDR ist so bescheuert, die engt mich ein. Erst an diesen Orten verstand ich, dass die Begrenzung auch in mir selbst gewesen ist: Enge in der Familie, kleinbürgerliches Denken. Das habe ich auch bei meinen Patienten festgestellt: Erst mit der Wende und dem Wegfall des äußeren Gefängnisses ist für viele spürbar geworden, wie stark das innere Gefängnis ist mit seinen Normen und Geboten. Ich ahnte, dass der Weg bis zur inneren Freiheit noch weit ist. Man könnte sagen: Mit jeder Reise wollte ich ihr näher kommen.