Ich bin gerade auf dem Weg nach Zypern zu meinem Feriendomizil, da ist es wie zu Hause, nur wärmer. Mir gefällt dieses mediterrane Leben sehr, Zypern selbst war eigentlich ein Zufall. Ich bin früher mal dort gewesen, und dann war da plötzlich dieser schöne Ausblick. Vom Pauschaltourismus halte ich nichts. Ich will nicht wissen, was mich am nächsten Tag erwartet. Welche Menschen, welches Hotel. Ich fahre los, und dann sehe ich, was passiert. Aber wie sich einer die Welt erschließt, hängt wohl hauptsächlich davon ab, wie neugierig er ist. Ich jedenfalls habe vor, im nächsten Jahr diverse Städtereisen mit meiner Frau zu unternehmen. Fünf Tage Athen, fünf Tage London und so weiter. Und dort gern das klassische Programm, Stadtrundfahrten, Führungen et cetera.

Als Band waren wir 1978 das erste Mal im Westen, aber das war nicht meine erste Reise ins "kapitalistische Ausland". Mein Vater war Auslandskorrespondent in London, lebte mit meiner Mutter dort, und in der dritten Klasse durfte ich ihn drei Wochen lang besuchen. Meine Schwester und ich mussten in einem Internat in Ost-Berlin zurückbleiben, so wollte der Staat sichergehen, dass wir in seinem Sinne erzogen werden. London jedenfalls war dufte. All diese Matchbox-Autos! Mir wahr sehr wohl bewusst, dass ich an einem Ort war, wo nicht alle hinkönnen. Und als aufrechter Jungpionier habe ich gerade deshalb auch geguckt, ob es den Schwarzenkindern dort gut geht und sie nicht ausgebeutet werden.

Bei unseren Auslandsreisen mit der Band später hatten wir immer einen Aufpasser von der Künstleragentur dabei. Und keine Ahnung, warum – aber einmal mussten wir unsere Pässe, die immer kurz vor der Reise ausgegeben und danach gleich wieder einkassiert wurden, sogar im Gesundheitsministerium und nicht wie sonst im Ministerium für Kultur abholen. Um es mal lax zu sagen: Wahrscheinlich wollte uns die Stasi auf Herz und Nieren prüfen.

Die Aufpasser waren in der Regel unangenehme Typen. Offiziell hießen sie "Tourneebegleiter". Die gibt es ja heute noch, nur dass die sich um das Catering kümmern und um anständige Hotelbetten und nicht darum, wie oft man seine Garderobe verlässt oder außer der Reihe mit Fremden spricht. Einen von denen haben wir gern in Verlegenheit gebracht. Eines Abends in Hamburg auf der Reeperbahn im Salambo haben wir ihn abgefüllt, und als er eingeschlafen war, haben wir ihn dort auf eine Sitzgruppe drapiert und sind abgehauen. Nur der Vernunft unseres Gitarristen Fritz Puppel ist es zu verdanken, dass wir dann doch umgedreht sind und ihn mitgenommen haben.

Irgendwann Mitte der Achtziger ließ das nach mit den Anstandswauwaus, beobachtet wurden wir trotzdem, ich vermute, man hat seine DKP-Kontakte im Westen dafür genutzt. Wir hingegen wurden nicht müde, unser und das gefühlte Fernweh der anderen DDR-Bürger auch in unsere Lieder hineinzuschreiben. Auf unserer Platte Casablanca, um die es allgemein viel Ärger wegen der Texte gab, gibt es das Lied Pfefferminzhimmel. Da heißt es: "Wo die Palmen sich verneigen / wo die Purpursonne weint / will sie in die Gondeln steigen / und will ganz woanders sein."

In einem kleinen Rebellenaufstand 1987 haben wir dann durchgesetzt, dass wir die Pässe am Mann behalten durften und auch unsere Ehefrauen einen bekamen. Immerhin brachten wir dem DDR-Staat Devisen ein und waren sehr loyal – sie mussten sich also irgendwie auf diesen Deal einlassen. Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht, ich sah unser Reiseverhalten eher als Aufmunterung für die Funktionäre, es anderen auch zu gestatten. Als es dann 1989 so weit war, war die Freude groß. Und ich war auch keiner, der ein Problem damit hatte, nun plötzlich Sachsen in Hamburg zu treffen, also kein Exot mehr zu sein.