Schon als Kind hatte die Fremde eine große Sogkraft auf mich. Mein Vater, seinerzeit Sachbuchlektor des DDR-Verlages Volk und Welt, betreute die Auslandsbildbände, und so sah ich all die Bilder von Paris, Venedig, Kuba, Indien und den USA. Daraus ist sehr schnell der Wunsch erwachsen, dort eines Tages überall hinzukommen. Als außenpolitischer Redakteur der Berliner Zeitung war ich diesem Traum etwas näher, man ließ mich nach Kuba und Nicaragua fahren – aber natürlich nur in diese befreundeten Länder Lateinamerikas, über die anderen berichtete ich blind aus dem Archiv.

Vor der Abreise gab es jeweils eine Art Vergatterung, und man hatte seitenlange Belehrungen zu unterschreiben: keinen Kontakt zu Bundesdeutschen, tägliches Melden in der Botschaft, es wurde schwer in unsere Arbeit hineingewirkt. Und trotz dieser Dienstreiseerlaubis: Privat in den Westen reisen durfte ich deshalb noch lange nicht. Gerade haben wir in unserem Verlag das Buch Ankunft im gelobten Land – Das erste Mal im Westen gemacht, in dem wir die Erfahrungen der Ostdeutschen über all die Jahre vor und nach der Mauer widerspiegeln. Der eine durfte über die Kirche fahren, andere über die Akademie der Wissenschaften, wieder andere über den Sport oder zu einem runden Geburtstag in der Westverwandtschaft.

Man war froh über jeden, der mal rausdurfte, egal, wie. In meinem Freundeskreis gab es immer einen großen Rotweinabend, wenn so jemand zurückkehrte, wir wollten alles wissen. Ich selbst habe meine dienstliche Reisefreiheit offen gehandhabt, Klinken putzen bin ich damit aber nicht gegangen.

Privat nutzten wir die Möglichkeiten, die es gab: Die Hochzeitsreise ging nach Budapest, das war das westliche Schaufenster im Osten, wo wir alle hinwollten. Mit den Kindern fuhren wir an die Ostsee. Am liebsten aber saß man in Prag im Frosch oder im U fleku, da konnte man sich auch gut mit seinen Freunden aus dem Westen treffen.

Ich habe auch den Eindruck, dass die Ostdeutschen die Reisefreiheit gut nutzen. Ich treffe sie überall in der Welt, und es ist keineswegs so, dass nur dumpfe Busladungen in Antalya ausgekippt werden. Viele haben die Chance genutzt, sich neue Lebensräume zu erschließen. Ich habe welche getroffen, die als Lehrerin in São Paulo arbeiten, als Büffelforscherin in Südafrika oder als Schafzüchter in Neuseeland.

Auch ich erobere mir jedes Jahr ein neues Stück Ausland, und 1997 bin ich mit meinem Freund Hannes Bahrmann einmal um den Globus gereist. Asien, Neuseeland, Tonga, Hawaii, und zurück von Los Angeles. Ein paar Jahre zuvor hatten wir uns fast die komplette Karibik angesehen, Chile, Argentinien. Das war eine Mischung aus Reportagereise und Urlaub. Endlich Nerudas Haus in Isla Negra sehen und zu Borges an die Wirkungsstätten.

Nach wie vor empfinde ich die Reisefreiheit, für die ich mich schon als Reformer innerhalb der SED eingesetzt hatte, als großes Glücksgefühl, und es ist eine Mär, dass man nur mit einem Riesenbudget fremde Gegenden angucken kann. Man muss ja nicht in Fünf-Sterne-Hotels nächtigen. Vor drei Jahren standen wir vor der Frage: Machen wir Urlaub auf dem Darß, oder fliegen wir nach Mauritius? Und Mauritius war billiger. Australien ist noch offen auf meiner Liste, ähnlich geht es mir mit Kanada. Ich war sehr viel in den USA unterwegs, kenne weite Teile des Landes, aber es ist ein großer Wunsch, einmal diesen wunderbaren Indian Summer zu genießen in Neuengland. Leider kollidiert dieser Plan zeitlich mit meinem Lebensrhythmus als Verleger: Zu dieser Zeit ist immer Buchmesse in Frankfurt.