In den ersten Jahren nach der Wende bin ich gar nicht viel gereist. Es war ja klar: Jetzt habe ich ein Leben lang Zeit, mir die europäischen Hauptstädte anzusehen. Da hatte ich keine große Eile und als Studentin sowieso nicht viel Geld. Also habe ich bis Mitte der neunziger Jahre meinen Urlaub meist in Ostdeutschland verbracht, zum Beispiel in Mecklenburg. Selbst in West-Berlin war ich erst im Januar 1990, obwohl ich in Ost-Berlin wohnte. Anfangs, als es diese große Euphorie gab und alle nach West-Berlin strömten, spürte ich irgendwie einen Widerwillen. Diese ganze Entwicklung passte mir nicht. Ich wollte immer die DDR verändern, aber ich wollte nicht ihren Untergang. Ich bin ja noch im Frühjahr 1989 in die SED eingetreten, weil ich mich als Marxistin verstehe.

Mein erster Besuch in West-Berlin hatte dann auch einen ganz prosaischen Grund. Werke der klassischen deutschen Philosophie waren in der DDR vergriffen, doch ich brauchte die Bücher für mein Studium. Also bin ich in den Westen gefahren, um mir Hegel zu kaufen und in die Bibliothek zu gehen. Das war dann ausgerechnet die Amerika-Gedenkbibliothek! Das Geld für die Bücher habe ich bei Bekannten getauscht. Denn das Abholen von Begrüßungsgeld fand ich besonders entwürdigend. Das war für mich die kollektive Demütigung, und ich persönlich hätte es auch als Verrat empfunden.

Eigentlich bin ich zu meiner Schulzeit, also vor dem Mauerfall, viel mehr unterwegs gewesen als unmittelbar danach. Meine Mutter, Galeristin im staatlichen Kunsthandel, war zwar alleinerziehend. Doch irgendwie schaffte sie es, dass wir jeden Sommer entweder in Bulgarien oder in der Sowjetunion waren. In Taschkent habe ich meine Brieffreundin besucht. In der CSSR sind wir Ski gefahren, und im Kaukasus haben wir Wanderurlaub gemacht. Ich habe mich also nie eingesperrt gefühlt. Ich bin sogar froh, dass ich diese Regionen kennen gelernt habe. In den Kaukasus könnte man ja heute aufgrund des Bürgerkrieges gar nicht mehr fahren.

Natürlich habe ich mir damals manchmal den Globus angesehen und mich gefragt: Wie mag es dort wohl aussehen? In Australien? Außerdem bedeutete mir klassische Literatur sehr viel. Die italienische Reise von Goethe hatte ich mit 16 Jahren gelesen, und schon damals hatte ich das Gefühl: "Mensch, da musst du doch mal hin! Gucken, wie das heute aussieht!" Mittlerweile war ich wenigstens in einigen der Städte, die Goethe beschreibt.

Schade fand ich es also als Jugendliche schon, dass Paris oder Rom außer Reichweite lag. Allerdings bin ich ja 1969 geboren, zu einer Zeit, als es bereits selbstverständlich war, dass man nicht in den Westen reisen konnte. Ich bin nicht die Generation, die erlebt hat: Plötzlich ist die Mauer zu! Für mich war das einfach eine Gegebenheit; das hinterfragt man nicht groß. Ich habe auch nicht stark darunter gelitten. Außerdem hatte ich schon die Hoffnung, dass es irgendwann Reisefreiheit gibt.

Denn neben den politischen Gründen gab es ja handfeste ökonomische Gründe, warum die DDR schwer Reisefreiheit gewähren konnte. Natürlich muss man Menschen, wenn man sie reisen lässt, auch die Möglichkeit geben, Geld zu tauschen. Die DDR-Mark war aber nicht frei umtauschbar. Meine Vorstellung damals war: Wir müssen das Wirtschaftssystem weiterentwickeln hin zu einem Anreizsystem, damit wir international wettbewerbsfähiger werden. Dann hätten wir Devisen ins Land bekommen, und man hätte anfangen können, die politischen Gründe für die eingeschränkte Reisefreiheit zu hinterfragen. Für die Stabilität der DDR wäre es sicher besser gewesen, wenn die Leute sich die Welt hätten angucken und vergleichen können. Ich denke, dass die überwiegende Mehrheit zurückgekommen wäre in die DDR. Ein USA-Besuch wäre für manchen DDR-Bürger sogar ganz heilsam und ernüchternd gewesen.

Ich selbst bin Mitte der neunziger Jahre in die USA gefahren, weil mich das Lebensgefühl dort interessiert hat. Aber vor allem New York und Los Angeles fand ich erschlagend und furchtbar kalt. Die Menschen stürzen alle aneinander vorbei, man redet nur oberflächlich miteinander, man hat das Gefühl, einer misstraut dem anderen. Und die sozialen Kontraste schreien einen richtig an. Dazu muss man kein Kapital gelesen haben. Leute im feinsten Tuch eilen in beleuchtete Wolkenkratzer, und inmitten des Menschengewirrs liegen die Obdachlosen.

Meine Reiseziele wähle ich mir heute oft in politischer Hinsicht aus, zum Beispiel war ich in Venezuela und Südafrika, um Gespräche zu führen und mir ein Bild von der Situation zu machen. Beruflich reise ich mehr, als mir lieb ist, seitdem ich im Europaparlament sitze. Und nach Irland pendele ich sowieso, weil mein Mann dort lebt. Für viele Ostdeutsche ist es heute aber so, dass sie zwar die Freiheit haben, zu reisen, aber nicht das Geld. In der Auswirkung ist das für die Betroffenen faktisch das Gleiche.