In meiner von Mauern begrenzten Heimat hat mich die Weltoffenheit meiner Familie entscheidend geprägt. Als überzeugter Kommunist floh mein Vater vor der Diktatur in Nigeria, um in Moskau zu studieren. Doch er blieb in Leipzig hängen. Meine Mutter war Jüdin und flüchtete vor den Nazis nach China. Von dort kehrte sie 1949 nach Berlin zurück. Mein Vater kochte afrikanisch, meine Mutter chinesisch, und beide kommunizierten auf Englisch.

Ich kam zwar nicht in die Welt, aber die Welt kam zu mir. Der Kokon meiner polyglotten und gleichsam unpolitischen Jugend beschützte mich. Meine Träume reichten nur so weit, wie sie durften, doch innerhalb dieser Grenzen nutzte ich jede Chance, um etwa Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei zu bereisen.

1984 bekam mein Verhältnis zur DDR den ersten Riss. Ich war 17 und trampte mit einer Freundin von Ost-Berlin nach Prag. Dort lernten wir eine gleichaltrige Schulklasse aus dem Westen kennen. Drei Tage lang waren wir unzertrennlich, bis uns die Hotelrezeption verpfiff. "Westkontakte"! Die Polizei steckte uns in Untersuchungshaft mit Betrunkenen und Prostituierten. Glücklicherweise holte uns der Klassenlehrer mittels Kontakten zur westdeutschen Botschaft nach einer Nacht wieder raus. Wir mussten sofort abreisen. Meine Irritation darüber verwandelte sich zwei Jahre später in ernste Zweifel. Um meinen todkranken Vater, der inzwischen in London lebte, in der Klinik zu besuchen, stellte ich meinen ersten Visumantrag für eine Westreise. Doch diese Fahrt wurde mir genauso verwehrt wie der Abschied an seinem Grab. Erklären Sie das mal einer Tochter.

Im Sommer 1989 stiftete mich meine Mutter zu einem neuen Versuch an. Ich sollte ihre West-Berliner Freundin einfach als meine Tante ausgeben. Prompt bekam ich ein Visum. Da erst wurde mir klar, mit welcher Willkür Visa in der DDR verteilt wurden. Und die Ernüchterung hielt an. Bekannte, die schon früher reisen durften, hatten geschwärmt, jede Straße in West-Berlin würde anders duften, die eine nach Pizza, die nächste nach Parfum. Ich stieg am Bahnhof Zoo aus, und es roch nach Gosse.

Doch bei aller Skepsis gegenüber dem Neuen hätte die Wende für mich zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Auch wenn sich in meine überbordende Freude Angst vor der neuen Freiheit mischte, und vor der eigenen Courage. Mit meinen 22 Jahren beschlich mich noch nicht das Gefühl, dass mir viel vorenthalten worden wäre. Meine Neugier hatte ich im Osten mit dem befriedigt, was ich sehen konnte. Jetzt erst wuchs meine Sehnsucht, die Welt ausgiebiger zu entdecken. Mit bereits halb geöffneten Augen wurde mir klar, dass ich bis zur Wende in der klassischen DDR-Schizophrenie gefangen war: Überzeugt davon, dass ich New York niemals erleben würde, war es für mich zugleich undenkbar, dieses westlichste aller Ziele niemals zu sehen. Du bildest dir ein, die Mauer sei schützend und nicht freiheitsraubend, und dennoch wünscht du dir Flügel.

Als ich dann im Frühjahr 1990 mit meinem Mann tatsächlich nach New York flog, war ich zweifach überrascht: Die Stadt war das Pendant zu Moskau! Diese breiten Straßen, diese Monumentalbauten. Oft drehten sich Menschen nach uns um. Gemischte Paare – er weiß, ich schwarz –, die Händchen halten, sind selbst in New York rar.

Inzwischen habe ich mir erschlossen, was ich in meiner Jugend noch nicht vermisste: Sri Lanka, die USA, Nord- und Westafrika. Jedes Land Europas mit dem Auto zu erfahren wurde unsere Herausforderung, die Kinder immer im Schlepptau. Meinen Wurzeln jedoch habe ich noch nicht nachgespürt. Mit dem Reisen nach Lagos und Tientsin habe ich gewartet, bis meine Kinder imstande sind, die Geschichte ihrer Familie zu begreifen. Heute sind sie 12 und 17. Ich denke, die Zeit ist reif.