Die schaurigste Karikatur eines Westurlaubers im Osten verdanken wir dem Film Die Unberührbare. Hannelore Elsner irrt bizarr overdressed zwischen Plattenbauten und Brachland, zwischen Eckkneipe und Imbisswohnwagen umher, in den Augen verständnisloses Entsetzen. Der Film spielt zur Wendezeit; und was er zeigt, ist lang überholt – aber leider vor allem insofern, als der typische Westdeutsche sich kaum noch so weit auf das fremde Terrain vorwagt. Die Neugier der ersten Jahre ist verflogen. Trotz Milliardeninvestitionen stagniert das Interesse. 15 Jahre nach dem Mauerfall waren 59 Prozent aller Westdeutschen laut einer Forsa-Umfrage "selten oder nie" im Osten.

Dass die DDR ihre Bürger einsperrte, wird bis heute angeprangert. Der Umstand, dass sie zugleich den Rest der Welt ausschloss, scheint daneben beinahe vergessen. Es ist nicht lang her, da glaubte kaum jemand mehr an die Chance, je wieder auf Heines Spur quer durch den Harz zu spazieren. Heute genügt den meisten Westlern die Gewissheit, sie könnten. Ohne Todesstreifen ist das Land dahinter nur noch halb so interessant. Und selbst die, die einmal eine solche Reise unternommen haben, klingen in aller Regel nicht, als wären sie sich ihres Privilegs bewusst. Was wird da nicht gejammert über marode Gebäude, holprige Straßen, schüttere Infrastruktur, schlechtes Essen – oft genug von denselben Menschen, denen das Leben in ferneren Ländern kaum authentisch genug sein kann. Dabei geht die Sanierung voran. 589 Millionen Euro staatlicher Fördermittel sollen allein im nächsten Jahr dem Tourismus zufließen. Aber wenn man die geschichtliche Prägung der neuen Bundesländer nicht achtet, erscheinen sie allzu leicht nur als schlechte Kopien der alten. Und warum die einen anschauen, ehe man mit den anderen "durch" ist?

Tendenzen im Fremdenverkehr lassen sich auf viele Arten messen. Optimisten verweisen auf die steigenden Übernachtungszahlen im Osten, Skeptiker auf die sinkende Auslastung durch zu viele neue Hotels. Die Kieler Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) hat die Urlaube Westdeutscher in den neuen Ländern gezählt und Bedenkliches ermittelt. An vielen Fremdenverkehrsorten sind die Westgäste noch immer nicht zahlreicher als die aus dem Osten. Hier geht es keineswegs bloß um die Probleme strukturschwacher Regionen. Nehmen wir Sachsen: ökonomisch auf gutem Weg, touristisch mit Dresden und Leipzig, mit dem Erzgebirge und der Sächsischen Schweiz ein Ziel ersten Ranges. Aber gerade einmal 0,8 Prozent der Westdeutschen verbrachten dort 2003 einen Urlaub, so wenige wie zehn Jahre zuvor. Oder Thüringen in der Mitte des wiedervereinigten Deutschlands: Sein neu belebtes kulturelles Erbe stößt im Ausland auf reges Interesse. Auf dem westdeutschen Urlaubsmarkt liegt sein Anteil laut FUR unter dem von 1993 bei 0,4 Prozent. Jeder dritte Besucher ist über 60.

Dass der Osten insgesamt aufholt, verdankt er einem einzigen Land. Mecklenburg-Vorpommern verbucht mit 3,8 Prozent am Gesamtaufkommen mehr Urlaube von Westlern als Berlin und die vier übrigen neuen Bundesländer zusammen. Über das Jahr macht das vier Gäste pro Einwohner, rechnet die Fremdenverkehrszentrale zufrieden vor. Ausgerechnet dort, wo die Einheimischen in Scharen abwandern, fühlen die Touristen sich am wohlsten. Den Badeorten am Ostseestrand ist der Erfolg nur zu gönnen. Trotzdem berührt es seltsam, dass der Westler an Ostdeutschland nichts so sehr schätzt wie seinen Zugang zum Wasser.

Den Touristikern der neuen Länder sind die Hände gebunden. Sie können keine Schwellenängste abbauen, weil die Schwelle offiziell schon längst abgeschafft ist. "Ostziel sucht Westurlauber" – wie hörte sich so was denn an? Den Westurlauber freilich kümmern politische Rücksichten wenig. Er verwechselt vielleicht Cottbus mit Chemnitz, weiß aber genau, dass beides "drüben" ist und fragt sich, was er da soll. Darauf gibt es Antworten genug. Aber die erste muss sein, dass dieses Drüben selbst eine Reise lohnt, ehe die Sanierung alle Unterschiede bereinigt. Wie soll eine Republik zusammenwachsen, wenn ein Teil der Bevölkerung nicht einmal sehen möchte, wie der andere lebte und lebt? Die Revolution von 1989 hat beiden Seiten mehr Reisefreiheit gebracht. Ein wenig dankbarer könnte der Westen dafür sein.