Hilfe, wir müssen alles noch mal auseinander bauen." Drei 14-jährige Mädchen sitzen vor Legoteilen auf einem Tisch in der Aula einer Bremer Gesamtschule und beginnen mit der Demontage ihres Roboters. Die Achsen mit den Antriebsrädern passen nicht in die vorgesehenen Löcher. Als Lager haben die Mädchen schwarze statt grüner Bausteine benutzt. Sie murren: "Der Bauplan ist schwarz-weiß, woher sollten wir das denn wissen?" Die Lehrerin bleibt gelassen und lässt die Mädchen einfach weiterbauen. Schließlich ist dies erst die zweite Stunde des auf über 20 Stunden angelegten Kurses, und Fehler gehören zum Lernkonzept.

"Gerade wenn die Roboter zunächst nicht so funktionieren, wie sie sollen, wird das technische Verständnis gefördert", sagt Heike Wiesner. Sie ist zuständig für die wissenschaftliche Begleitung des Projekts "Roberta – Mädchen erobern Roboter". Über tausend Schülerinnen haben seit November vergangenen Jahres an einem Roberta-Kurs teilgenommen. Wenn dabei etwas nicht funktioniert, muss der Fehler gesucht und behoben werden. Die Mädchen in der Bremer Schulaula machen das auch ohne Eingriff der Lehrerin richtig, zehn Minuten nach ihrem Hilferuf drehen sich die Achsen in den grünen Bausteinen. "Dabei lernen sie: Probleme sind lösbar, und Technik kann gestaltet werden", sagt Wiesner.

Mit dem Gefühl "Huch, ich kann das ja" kämen viele Mädchen aus dem Roboterkurs heraus, sagt Susann Hartmann. Sie hat die Fragebögen von gut 500 Roberta-Teilnehmerinnen ausgewertet. "Wenn ich wollte, könnte ich Computerexpertin werden" – diesem Satz stimmte vor dem Kurs jedes dritte Mädchen zu, danach jedes zweite. Ein gutes Drittel aller Teilnehmerinnen konnte sich sogar vorstellen, später Informatik zu studieren. Täten sie es tatsächlich, dann könnte die Bundesregierung hoffen, den Frauenanteil in technischen Berufen auf die Traumquote von 40 Prozent zu steigern, die sie in Strategiepapieren fordert. Die Wirklichkeit ist davon allerdings noch sehr weit entfernt. In den Ingenieurstudiengängen liegt der Frauenanteil bisher bei 21, in der Elektrotechnik sogar nur bei 9 Prozent, mit weiter fallender Tendenz. In den Ausbildungsberufen sieht es noch schlechter aus. Nur 2,6 Prozent der angehenden Industriemechaniker sind weiblich, bei den Kfz-Mechanikern beträgt der Frauenanteil 1,9 und bei den Metallbauern genau ein Prozent.

"Informatik, Mechatronik und Robotik sind Schlüsselbereiche für die deutsche Wirtschaft", sagt Monika Müllerburg vom Fraunhofer-Institut für autonome intelligente Systeme in Sankt Augustin. Sie leitet das Roberta-Projekt, das mit einer Million Euro für drei Jahre vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Es soll den weiblichen Nachwuchs zur Behebung des Fachkräftemangels im Robotikbereich motivieren. Das in den Kursen verwendete Baumaterial stammt zwar von Lego, ist aber so teuer, dass es in Kinderzimmern kaum zu finden ist. 250 Euro kostet die Grundausstattung für den Roboterbau. Darin sind zwei Motoren und drei Sensoren enthalten, deren Zusammenspiel mit einer simplen Software schon von Zehnjährigen am Laptop programmiert werden kann.

Das Fraunhofer-Institut hat die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten in einem tausend Seiten umfassenden Materialordner zusammengetragen. Nur wer ihn kennt und zusätzlich an einem zweitägigen Fortbildungskurs teilgenommen hat, darf einen "echten" Roberta-Kurs anbieten, bundesweit sind das bisher 140 Lehrerinnen und Lehrer. Der Schwerpunkt des Lehrertrainings liegt nicht auf der Technik, sondern in der Sensibilisierung für das unterschiedliche Lehrerverhalten gegenüber Mädchen und Jungen, der so genannten Gender-Schulung. "Intuitiv lassen Lehrende Jungen eher alleine bauen und ermutigen sie, kreativ mit dem Material umzugehen", sagt Heike Wiesner, "Mädchen dagegen bekommen Hilfestellungen und werden auf die Baupläne verwiesen." In den Roberta-Kursen sollen Mädchen nicht besonders gefördert oder geschont, sondern einfach nur gleich behandelt werden. Studien belegen, dass Lehrer etwa in schriftlichen Physik-Arbeiten Mädchen weniger zutrauen und sie deshalb auch schlechter benoten als Jungen.

Da solch eingeschliffene Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen in gemischten Klassen besonders schwer zu vermeiden sind, liegt der Schwerpunkt bei Roberta auf reinen Mädchenkursen. Das Material kann aber auch koedukativ verwendet werden. Jungen konstruieren dann gerne Autos und Panzer, Mädchen dagegen Menschen und Tiere. "Jungs bauen Scheinwerfer, Mädchen Augen", hat Heike Wiesner festgestellt. Beides ist mit dem Roberta-Material möglich.

Als Krönung des Kurses können die Mädchen jeweils ihre Roboter präsentieren. Dann führen zwei Bienen einen elektronisch gesteuerten Synchrontanz auf, oder ein Fabelwesen findet selbstständig zum Ausgang eines Labyrinths. Ohne eine Schulung für den richtigen Umgang mit dem Baumaterial kann ein Robotik-Kurs allerdings auch im Frust enden statt mit Erfolgserlebnissen. "Bei uns hat kein einziger Roboter funktioniert", erinnert sich die 14-jährige Lena von einem anderen Bremer Schulzentrum.

Ihre Lehrerin hatte die Roberta-Baukästen im Unterricht eingesetzt, konnte aber bei Problemen nicht helfen. "Die hatte überhaupt keine Ahnung von der Programmierung", urteilt Lena gnadenlos. "Vielleicht findet ihr im Internet Hilfe", habe sie den Schülerinnen geraten. Dem Selbstvertrauen der Mädchen in ihre technischen Fähigkeiten hat der Misserfolg aber offenbar nicht geschadet. "Der Roboter hat das nicht auf die Reihe gekriegt", sagt Lena, "wir schon." Nach dem Abi will sie Elektrotechnik studieren.