Es war einmal eine Zeit, als hochrangige Adelsdamen ruhig gestellt wurden, indem man einen Komponisten anstellte, der ihnen das kleine musikalische Einmaleins beibrachte und hübsche Stücklein fürs Album komponierte. (Heute bekommen die Funktionärsgattinnen eine Boutique, wo sie Tand und Fummel verhökern können.) So entstanden Werksammlungen wie My Ladye Nevells Booke, von dem wir noch heute zehren. Die Adelsdamen sind gestorben, der Brauch aber wurde wiederbelebt: durch das Ensemble Recherche. Es hat eine Stammbesetzung von acht Spielern: einem Streichtrio (Violine, Viola, Violoncello), einem Bläsertrio (Flöte, Oboe, Klarinette), dazu Schlagzeug und Klavier. Durch knapp 15 Jahre praktischer Uraufführungserfahrung verkehrt das Ensemble mit vielen lebenden Komponisten, darunter die Bedeutendsten unserer Zeit. Und als die Zeit reif war, ließen sie sich Stücke schreiben, und daraufhin entstanden die ersten Kapitel des The Witten In Nomine Broken Consort Book (Kairos 0012442 - Vertrieb: Liebermann) - 42 Stücke von durchschnittlich dreieinhalbminütiger Dauer auf zwei CDs.

Der Titel ist vielleicht nicht gewöhnungs-, dafür aber erklärungsbedürftig.

In Witten, bei den dortigen Tagen für neue Kammermusik, hatte das Ensemble seine ersten, viel beachteten Auftritte. In Nomine-Kompositionen haben eine lange Tradition. Schon seit John Taverner 1528 die Messe Gloria tibi Trinitatis schrieb, stießen seine Kollegen auf den besonders eindringlichen Tonsatz zu den Worten In Nomine und begannen eigene Fassungen darüber zu schreiben. Consort ist der altenglische Ausdruck für Ensemble, wobei Broken Consort weniger zerstrittenes Ensemble meint, als eine gemischte Besetzung bedeutet.

Das Book schließlich ist alles andere als ein Poesie-Album erinnerungsseliger Musiker, sondern eine kurzgefasste Musikgeschichte der Gegenwart. Es bietet die ganze Palette zeitgenössischen Komponierens in Brühwürfelform, zeigt mannigfaltige Stile, Privatsprachen und Musikauffassungen, gibt das Thema teils verrätselt, teils mit fröhlicher Offensichtlichkeit. Dem Orientierungssuchenden klappt sich ein Panoptikum an Figuren und Charakteren, an schillernden Kunstgebilden von raunendem Tiefsinn oder zupackendem Schmiss auf, während sich die Insider bei dem heiteren Ratespiel Erkennen Sie die Dissonanz? bewähren können. Für jeden was dabei und alles miteinander dargeboten in prächtig klangfeiner, highendfidelischer, partiturmaßstabsgetreuer Ausstattung: von dem Ensemble Recherche. Wir harren der nächsten Bände.