Das eigentliche, das große Romantik-Buch, das er zeit seines Lebens plante, hat Isaiah Berlin, der 1997 starb, leider nie geschrieben - obwohl die Romantik eines der wichtigen Lebensthemen des Oxforder Ideenhistorikers war. Die Vorlesungen von 1965, die der treue Herausgeber Henry Hardy 1999 veröffentlicht hat und die nun auf Deutsch erschienen sind, bieten aber lebendige Eindrücke von Berlins Reflexionen und sind insofern zumindest ein Trost.

Berlin betreibt eine originelle und kundige Gedankenmilieustudie. Er zeichnet die Oberflächenstruktur der Romantik, skizziert etwa, welche Figuren die Romantiker faszinierten, von Karl Moor aus den Räubern bis zu E.T.A.

Hoffmanns Spukgestalten - und er porträtiert einzelne Vordenker wie vor allem seinen Liebling: Johann Georg Hamann. Zum anderen fragt er nach dem Wesen der Romantik, die er als Revolution im Bewusstsein versteht. Sie sei eine folgenreiche Rebellion gegen das traditionelle und aufklärerische Denken - die Vor-Geordnetheit der Welt wird infrage gestellt - sie entsteht erst durch die permanente Selbstschöpfung des Menschen. Berlin lässt sich hier und da dazu verleiten, die Romantik allzu eng durch die Begriffe des Willens und des Lebens zu deuten, und legt ihr damit ein erst später geschneidertes Kleid an.

Vor allem der wiederholte Verweis auf die Lebensphilosophie des frühen 20.

Jahrhunderts verrät Berlins Richtung. Auf diese Weise wird die Romantik, versteht man sie als Epochenbegriff für die Jahre von 1780 bis 1830, etwas verzerrt.

Doch Berlin sieht die Romantik als eine umfassendere Denkbewegung, in deren Tradition auch er selbst steht. Die Romantiker durchbrachen die gesicherte Einheit der Welt und ermöglichten den modernen Pluralismus und Liberalismus.

Berlin wahrt aber bei aller Faszination die wohlwollende und doch leicht snobistische Distanz des Nachgeborenen. Denn brachten die gekränkten deutschen Pietisten aus kleinen Verhältnissen, die gegen den Rationalismus aufbegehrten, blaue Blumen suchten und das echte Leben, die Leistungen der Romantik nicht eher ungewollt auf den Weg? Berlin hielt die BBC-Mitschnitte seiner Vorlesungsreihe für hektisch und hysterisch. Der Leser der transkribierten Fassung wird diesen Eindruck kaum teilen, sondern - auch wenn manche These verkürzend oder gewagt erscheint - die Anschaulichkeit, die diesen Ausführungen des emphatisch essayistischen Denkers Berlin eigen ist, genießen.