Washington

Und nun auch noch das Wetter. Über die amerikanische Präsidentschaft und damit die Weltläufte wird entschieden, und am Ende regnet es in Ohio. Ausgerechnet in Ohio. Jenem Staat, in dem es um alles geht. Warum ist Regen wichtig? Weil Nässe Wähler abschreckt und jedes Prozent zusätzlicher Wahlbeteiligung erfahrungsgemäß den Demokraten hilft. Regen ist der Feind der Linken. Darum ergriff die Wahlkampfzentrale Gegenmaßnahmen, als sie die Wettervorhersage sah. Eine Blitzbestellung: 60000 Plastik-Ponchos für den Wahlsieg. Kein Detail ist zu nebensächlich, kein Dollar zu viel. Eine Milliarde hat die Wahl gekostet. Da sind zum Schluss auch noch ein paar Regenjacken drin.

Auch George Bush spürt, dass es am Ende um Ohio gehen könnte. Am Wahltag darf er keinen Wahlkampf mehr machen. Trotzdem bricht er noch einmal aus Texas auf. Um sich bei seinen Helfern zu bedanken, wie er ankündigt. Dass er dies in seiner Wahlkampfzentrale in Ohio tut, ist kein Zufall. Kameras sind dabei. Der Präsident lässt sich befragen. Vielleicht lässt sich so noch der allerletzte Wähler erreichen. Wahrscheinlich ist noch nie so erbittert ums Weiße Haus gerungen worden, wie in diesem Jahr. Jeder spürt, dass dies keine gewöhnliche Entscheidung ist. Eine Weltsicht steht zur Abstimmung. Nirgends ist an diesem Wahltag Ausgelassenheit zu spüren, eher Stille und grimmige Entschlossenheit. Die Wahl als heiliger Akt: Manche Bürger stehen zwei, drei, gar vier Stunden an, in Florida bei dreißig Grad Hitze. Nachbarn bringen Drinks, damit niemand geht. So hoch war die Politisierung seit Jahrzehnten nicht mehr. Keine Spur von der angeblich desinteressierten amerikanischen Gesellschaft.

Gegen Mitternacht fällt Florida an Bush

Der Tag wird zum Wechselbad. Als am Nachmittag die Prognosen aus den einzelnen Bundesstaaten zirkulieren, scheint die Wahl gelaufen. Überall liegt der Herausforderer vorn. Im Fernsehen werden überschwängliche Demokraten von Journalisten daran erinnert, dass "John Kerry noch nicht gewählt ist". Im Talk-Radio bereitet ein Moderator nach Wochen des rechten Trommelfeuers seine Hörer "auf die sehr reale Möglichkeit einer Präsidentschaft John Kerrys" vor.

Doch merkwürdig: Die ersten Ergebnisse decken sich nicht mit den Umfragen an den Wahllokalen. Stunden vergehen, und aus Beobachtungen werden Trends. Langsam schlägt die Stimmung um. Gegen Mitternacht fällt Florida an Bush. Nicht noch einmal geht es um 537 Stimmen, wie vor zwei Jahren. Der Abstand ist dieses Mal so groß, dass jede Anfechtung zwecklos wäre. Auf Fox, dem Sender des Hurrah-Konservatismus, ist nach Stunden der gedämpften Rede nun wieder der übliche Maschinengewehr-Ton zu hören. Als in der Nacht, Frühstückszeit in Europa, die Umfragen auch Ohio der Rechten zuschlagen, scheint das Rennen bis zum Redaktionsschluss am Mittwoch morgen gelaufen. Die Mehrheit der Wähler hat Bush jedenfalls hinter sich.

Stellt sich die Frage: Warum haben die Amerikaner diesen Mann wiedergewählt? Einen Präsidenten, der den Terroristenführer Osama bin Laden nicht fing und dafür im Irak einen Krieg begann, dessen Gründe abhanden kamen. Der Amerika blamierte, als dort keine Massenvernichtungswaffen und auch keine Verbindung zur Terrororganisation al-Qaida gefunden wurden. Der die Menschenrechtsskandale von Guantánamo und Abu Ghraib zu verantworten hat und Amerika in die größte Image-Krise seiner Geschichte trieb. Warum also George Bush? Die Antwort hat drei Teile: die gefühlte Bedrohung, der schwache Gegner, das konservative Land.

Alles beginnt mit dem Terror-September 2001. Danach hat George Bush einer verwundeten Nation zwei Jahre lang Selbstgewissheit und Sicherheit gegeben. In einer Phase kollektiver Furcht vermittelte er der Bevölkerung das beruhigende Gefühl, als Protektor zwischen den Terroristen und jedem einzelnen Amerikaner zu stehen.