Warum fragen Kinder immer: Warum? Sind Kinder die wahren Philosophen?

Kinderphilosophie ist tatsächlich in, an den Universitäten füllt sie gegenwärtig selbst größte Hörsäle. Im November 2003 fand in München der Erste Philosophie-Kongress für Kinder statt, in Graz in diesem Frühjahr die internationale Konferenz Philosophy with children: Encouraging philosophical thinking. Bei dem Unterschied zwischen dem Philosophieren für Kinder und mit Kindern werden sich die Veranstalter schon etwas gedacht haben. Und in Hamburg, wo der Philosophieunterricht an sechs Grundschulen angeboten wird, hat sich sogar ein Verein Philosophieren mit Kindern gebildet. Dort wird allerdings das Monopol der Warum-Frage im besten philosophischen Geist erschüttert. An ihre Stelle sind gleich schwere, andere Fragen getreten: Woher weiß ein Hase, dass er ein Hase ist und kein Känguru? - Wenn er das weiß. Und: Können Blumen glücklich sein?

Warum aber fragen plötzlich so viele Erwachsene so gern die Fragen der Kinderphilosophie? Erinnern sie sich ihrer eigenen Kinderfragen? Entdecken sie in der Kinderphilosophie ihre Leidenschaft für das Fragen wieder, während sie als Erwachsene mit ihren Antworten meistens nur schwer an sich halten können? Ist Philosophie überhaupt nichts anderes als die Fortsetzung der Kinderfragen mit anderen Mitteln, den Mitteln Erwachsener, ihre Sublimation, um ein Wort der Erwachsenen zu gebrauchen? Fragen über Fragen - nur: keine Kinderfragen. Denn für sie sind die Fragen das Einzige, was sich von selbst versteht.

Jetzt führen zwei Neuerscheinungen in die Kinderphilosophie ein. Beide tun das allerdings auf einem fortgeschrittenen Niveau und nicht ganz frei von Schulmeisterei und Fremdwörterei. Da können auch die Erläuterungen und Bilder nicht immer helfen. Beide Bücher zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie bei den großen alten Fragen der Philosophie nach Gott und Tod, der Freiheit und dem Guten, den Mut zum unkonventionellen Denken zeigen. Der Verdacht, dass die Kinderphilosophie zur alternativen Kinderlehre religiöser Botschaften werden könnte, wird rundum widerlegt.

Die schwedische Autorin Liza Haglund bezieht sogar Fragen der Sprachphilosophie und der Wissenschaftstheorie ein. Sie liebt die Gedankenspiele, die seit je in der Philosophiegeschichte gern veranstaltet werden, hier aber besonders die kindliche Fantasie ansprechen sollen. Zum Beispiel können wir auf unterhaltsame Weise durchspielen, ob wir fremde Wörter fremder Kulturen verstehen können.

Ärgerlich ist leider der Anfang des Buches, eine Kurze Zusammenfassung der abendländischen Philosophie. Das hier dargebotene Handbuchwissen fällt hinter den bisher praktizierten gedankenspielerischen Umgang mit den Fragen der Philosophie zurück. Und es wimmelt von Fehlern. Karl Marx wird zum 1001. Mal die stets falsch zitierte Formel von der Religion als Opium für das Volk in den Mund gelegt. Nietzsches Übermensch soll unerhörterweise der ideale Mensch sein. Freud hat offenbar den Begriff des Freudschen Versprechers geprägt und von Unterbewusstsein gesprochen und so fort, und so fort.

Nonsens en gros, Verhauer über Verhauer. Gerade in der Kinderphilosophie sollten die Informationen stimmen.