Der Mensch im Fernsehen macht jeden Tag die gleiche Entwicklung durch. Am Morgen ist er Kind und bezaubert uns als Trickfilmwesen. Am Mittag ist er ein Jüngling und prügelt sich in Talkshows um tätowierte Damen. Am frühen Nachmittag sehen wir ihn gereift auf der Anklagebank der Richterin Salesch sitzen. Am späten Nachmittag ist er ein rüstiger Senior und beichtet mit mehliger Stimme bei Fliege. Am frühen Abend dokumentiert Gute Zeiten, schlechte Zeiten, wie seine Enkel die Liebe kennen lernen. Am späten Abend zeigen der Horrorfilm und die tagesthemen, wohin die Liebe und das Fernsehen am Ende führen.

In diesem höllischen Kreislauf, der von grässlich schlechten, schuftenden Schauspielern des Lebens und der Bühne angeschoben wird, muss es einen geben, der nicht schuftet und nicht schiebt, sondern dem Treiben mit kaltem Vergnügen zusieht. Es ist der Late-Night-Talker. Das deutsche Fernsehen kennt zwei Varianten des Night-Talks, eine seriöse und eine fahrlässige. Das seriöse Nachtgespräch hat seinen Meister in einem gewissen Johannes B. Kerner gefunden; das ist ein Schaulustiger, der sich an den Unfallstellen des Lebens auf die Zehenspitzen bäumt und "Au, das muss aber wehgetan haben!" seufzt. Jeden Abend bohrt dieser Mann mit unerbittlicher Empathie drei, vier Studiogäste auf, in denen er sein Mitgefühl ablegt.

Die fahrlässige Variante des Night-Talkers ist der Spaßmacher. Anke Engelke hatte diesen Posten im Frühjahr von Harald Schmidt übernommen; aber sie ist gescheitert. Die Leute wollen so spät am Abend über niemanden lachen, dessen Tun nach Arbeit aussieht. Anke sah nach Arbeit aus.

Komik hat mit unerfüllter Erwartung, mit Fehlleistung zu tun. Der hellen, die eigene Wirkung stets kontrollierenden Anke Engelke nahm man nicht ab, dass ihr je etwas Wesentliches misslungen wäre. Hier war eine flotte Hübsche mit gefletschtem Spaßgebiss, die zäh um Schrägheit rang. Das Spiel gegen die eigene Attraktivität gewann sie nicht. Sie war zur Verkaufsschauspielerin geworden.

Kürzlich hat Sat.1 Engelkes Sendung abgesetzt. Es ist, als hätte ihr Vorgänger auf diesen Moment gewartet. Nun kommt Schmidt aus den Kulissen, von wo aus er beobachtet haben mag, wie Anke kippte. Am 23. Dezember 2003 hatte er seine Show aufgegeben und seinen alten Sender Sat.1 stolz und zornig verlassen; am 23. Dezember 2004 wird in der ARD seine neue Show Premiere haben.

Das deutsche Unterhaltungsgeschäft funktioniert seit einiger Zeit wie eine Umwälzanlage: Wer tief im Sumpf lag, wird als Trash-König wieder nach oben gesogen. Sozialer Tod ist auch eine Leistung, und wer ihn überlebt, der wird gefeiert. Das TV-Volk hat einen Hang zu Gnade und Großmut entwickelt, der den fürchterlichsten Unterhaltern zugute kommt. Bei Harald Schmidt liegt der Fall anders: Er ist nicht gefallen, er hat sich entzogen. Er hat dem Publikum stets suggeriert, er brauche es nicht. Nun zeigt sich: Er braucht es doch. Schmidts Fans werden ihm seinen Hochmut verzeihen, aber vielleicht nicht sofort. Mag sein, dass sie eine schmollende Zehntelsekunde warten werden, ehe sie lachen.