Die Aufregung nahm Rolf-Ernst Breuer bewusst in Kauf. Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank dürfte die Schlagzeilen vorhergesehen haben, als er vergangene Woche laut über einen Umzug des größten deutschen Geldinstituts ins Ausland nachdachte, um Steuern zu sparen.

Wenn sich Unternehmen vor dem Zugriff des Fiskus drücken wollen, hat das regelmäßig einen hohen Aufmerksamkeitswert. So war es im Sommer 2004, als bekannt wurde, dass Vodafone Abschreibungen auf den Wert des zuvor übernommenen Mannesmann-Konzerns von rund 50 Milliarden Euro geltend gemacht hat und womöglich auf Jahre hinaus keine Steuern mehr zahlen muss. So war es 2003, als der Autovermieter Sixt die Verwaltung seiner Sparte Holiday Cars in die Schweiz verlegte und der damalige Chef des Halbleiterkonzerns Infineon, Ulrich Schumacher, überlegte, aus Steuergründen den Firmensitz ins Alpenland zu verlegen. Erst der Infineon-Aufsichtsrat stoppte die Pläne.

So nachvollziehbar die Aufregung scheint – die Kapitalgesellschaften nutzen nur die Möglichkeiten, die ihnen der Gesetzgeber bietet. Doch ganz so einfach, wie es sich viele vorstellen, ist die Verlagerung von Firmensitz und Geschäftsleitung nicht. Eine Briefkastenfirma im Ausland reicht dafür nicht aus. Mehr noch: "Beim vollständigen Wegzug über die Grenze behandelt das Steuerrecht die Kapitalgesellschaft als aufgelöst", sagt Jörg Siegels von der Kanzlei Lovells. "In diesem Fall werden alle stillen Reserven versteuert." Und das kann teuer werden.

Auf dem Papier hat der Gesetzgeber alles geregelt. So müssen auch Tochterfirmen oder rechtlich unselbstständige Betriebsstätten ihre Erträge am jeweiligen Standort versteuern, ganz gleich, wo die Muttergesellschaft oder Holding sitzt. Infineon oder auch – wie vor Jahren debattiert – DaimlerChrysler könnten demnach zwar wegziehen, ihre Betriebe in München oder Sindelfingen müssten ihre Erträge aber weiter in Deutschland versteuern.

Doch wo der Wille zum Steuersparen ist, da findet sich meist auch ein Weg. "Eine gute Steuerabteilung rentiert sich für ein Unternehmen immer", sagt ein Experte im Bundesfinanzministerium. Nur ein Beispiel, wie multinationale Konzerne Gewinne über Grenzen hinweg dorthin transferieren können, wo die Steuerlast am niedrigsten ist: Entscheidend ist, ob die deutsche Tochter eines ausländischen Multi mit Eigenkapital ausgestattet wird – dann muss der hierzulande erwirtschaftete Gewinn auch beim deutschen Fiskus versteuert werden. Die steuersparende Alternative: Die Tochter wird nur mit der Minimalausstattung von Eigenkapital versorgt, ansonsten gibt es Geld vom Muttterkonzern oder einer anderen Auslandstochter nur als Darlehen; die Kreditzinsen schmälern den deutschen Gewinn. Dabei ist kein Zufall, dass der Darlehensgeber und Empfänger der Zinszahlungen in einem Land mit steuerlichen Vorzugsbedingungen residiert.

Zudem bieten konzerninterne Transferpreise Spielräume: Schließlich muss ein Unternehmen in Deutschland Vorprodukte einer ausländischen Tochter bezahlen – damit lässt sich der Gewinn im Ausland steigern und der Gewinn im Inland und damit die Höhe der hier fälligen Steuern mindern.

Der Staat schaut diesem Treiben nicht tatenlos zu. So fordert er neuerdings eine detaillierte Dokumentation konzerninterner Verrechnungspreise. Seit Anfang des Jahres gilt überdies die Mindestbesteuerung, derzufolge ein Unternehmen die Verluste aus Vorjahren nur noch begrenzt auf den aktuellen Gewinn anrechnen lassen kann. Und die Möglichkeit der Teilwertabschreibung, die Vodafone sich zunutze machen will, gibt es bereits seit 2002 nicht mehr. Aber all dies erinnert an das Rennen von Hase und Igel.