Strenge Auswahl

Im Land der Freien gibt es keine Meldepflicht. Wer seine Weste sauber hält, kann nach Lust und Laune umziehen und braucht keiner Behörde etwas davon zu sagen. Nur wenn man einen Führerschein erwerben oder erneuern will, muss man seinen Aufenthaltsort angeben. Ich habe vor sechs Jahren mal länger bei Freunden auf einer Ranch im Norden von Nevada gewohnt. In dieser Zeit lief mein Führerschein aus Massachusetts ab. Ich besorgte mir an Ort und Stelle einen neuen und wurde auf diese Weise eine Bürgerin von Nevada. Wie andere snootydudes aus dem Osten machte ich mich anfangs damit lächerlich, dass ich das zweite A in Nevada so aussprach wie das A in father. Aber ich lernte es bald wie das A in apple auszusprechen und konnte fortan hocherhobenen Hauptes in der Gegend herumlaufen. Der Führerschein aus Nevada verschaffte mir verschiedene Privilegien: Ich konnte nach einer zweiminütigen Sicherheitsüberprüfung eine Schusswaffe kaufen. Ich konnte jederzeit auf die Jagd nach Raubzeug gehen. Und ich kam in den Genuss der lokalen Widersprüche: Selbst an den Tankstellen kann man Alkohol kaufen, aber wer mit der geringsten Spur von Alkohol im Blut am Steuer erwischt wird, der wird härter bestraft als irgendwo sonst. Selbstladegewehre kann man auch sonntags nach der Kirche kaufen, Autos und Kleider hingegen nicht. So ist das in meiner Heimat. Und weil in den USA der Führerschein bestimmt, zu welchem Bundesstaat und welchem County man gehört, musste ich jetzt meine Stimme in Nevada abgeben.

Es war eine Wahl, die ich auf keinen Fall verpassen wollte. Nevada gehörte zu den swing states, in denen mit Kopf-an-Kopf-Rennen gerechnet wurde. Anfangs hatte Kerry in den Umfragen vorn gelegen, dann hatte Bush ihn überholt. Bei einem knappen Ergebnis konnten die fünf Wahlmännerstimmen von Nevada entscheidend sein.

Während ich noch in Europa war, lud ich mir von der Nevada-Website einen Antrag zur Registrierung als Wählerin herunter und schickte ihn zusammen mit einer Fotokopie meines Führerscheins an die County-Verwaltung in Eureka. In dieser Phase kann man sich gleichzeitig für eine der Parteien registrieren lassen. Das berechtigt zur Teilnahme an den Vorwahlen, bei denen jede Partei ihren Kandidaten wählt. Deshalb kreuzen die meisten Leute eine Partei an. Da ich nur an den Präsidentenwahlen interessiert war, ließ ich die Frage, ob ich mich den Republikanern oder den Demokraten zurechnete, unbeantwortet.

Von der Wahl ausgeschlossen - weil mein Führerschein abgelaufen sei

Die Nachrichten, die mich während der folgenden Wochen aus meinem Heimatstaat erreichten, klangen beunruhigend. Mehr als 17 000 Demokraten waren von der Wahl ausgeschlossen worden, nachdem ein republikanischer Beamter sie als inaktive Wähler eingestuft hatte, weil sie bei Regionalwahlen im Jahre 2002 nicht abgestimmt hätten. Es kam zu einem Prozess, aber für einige Wähler war es zu spät, sich erneut registrieren zu lassen. Dann kamen in Clark County, dem Bezirk, in dem auch Las Vegas liegt, Gerüchte über eine Registrierungskampagne unter der Parole Voter Outreach for America auf - eine Initiative, die von der republikanischen Partei finanziert wurde. In dem angeblich überparteilichen Bestreben, möglichst viele Amerikaner am demokratischen Prozess zu beteiligen, standen die dreihundert Mitarbeiter in Einkaufszentren und auf Parkplätzen herum und ermunterten die Leute, sich als Wähler registrieren zu lassen. Doch dann erklärte einer von ihnen, was wirklich gespielt wurde - die Registrierungen derer, die sich zu den Demokraten bekannt hatten, wanderten diesem Mann zufolge einfach in den Müll, am Wahltag würden demnach Tausende Anhänger der Demokraten in den Wahlbüros von Nevada auftauchen, nur um dort zu erfahren, sie seien gar nicht registriert und könnten deshalb auch nicht wählen.

Ähnliche Vorgänge gab es in vielen swing states. Das Registrierungsformular in einem Wahlbezirk in Florida enthielt zum Beispiel die Frage: Sind Sie psychisch behindert? Bürger, die diese Frage unbeantwortet ließen, wurden nicht registriert, aber auch nicht informiert und durften nicht wählen.

Dabei gibt es auch für solche Fälle eine Lösung. Ein nicht registrierter Wähler, der seine Rechte kennt, kann immer noch mit einem provisorischen Stimmzettel wählen. Jeder Staat hat seine eigenen Verfahren für dieses provisorische Wählen, aber die meisten verlangen vom Wähler nichts weiter als eine Unterschrift unter einer eidlichen Erklärung, mit der er versichert, dass er der ist, der er ist. Anschließend wird sein Stimmzettel für eine gesonderte Überprüfung markiert, falls die Wahlergebnisse angefochten werden.

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So steht es im Gesetz. Doch das Gesetz wird von Menschen umgesetzt, die ihre eigenen Vorstellungen davon haben, was wichtig und was richtig ist.

Als ich zwei Wochen vor der Wahl nach Eureka County kam, stellte ich fest, dass auch ich von der Wahl ausgeschlossen worden war: weil mein Führerschein abgelaufen sei - er ist nicht abgelaufen, sondern bis 2008 gültig - und weil ich die Frage, welcher Partei ich mich zugehörig fühle, nicht beantwortet hätte. Ich rief die Verwaltungsleiterin von Eureka County an, eine gewählte Beamtin, eine Republikanerin. Sie war es gewesen, die meinen Antrag abgelehnt hatte, und sie wirkte am Telefon ziemlich angespannt. Sie erinnerte sich genau an mich, ich hatte aus Italien geschrieben. Falls bei der Beurteilung meines Führerscheins ein Irrtum unterlaufen sei, lasse sich daran nun nichts mehr ändern, denn die Frist für die Registrierung sei am 12. Oktober abgelaufen. Nein, es sei zwecklos, nach Eureka zu kommen und ihr zu zeigen, dass mein Führerschein noch gültig sei. Jawohl, die Frage nach der Parteipräferenz müsse beantwortet werden. Nein, die Möglichkeit, einen provisorischen Stimmzettel abzugeben, bestehe nicht. Nein, nein, nein.

Zuerst ließ ich den Kopf hängen. Dann besuchte ich Dorothy.

Den republikanischen Wählern in Nevada, sagt Dorothy North, lägen vier Dinge am Herzen: God, Guns, Armageddon and Gay Marriage. Sie ist sechzig, Vorsitzende der Demokratischen Partei in Elko und zweite stellvertretende Vorsitzende der Demokratischen Partei in Nevada. Sie ist klein und rund und verstrahlt die Selbstsicherheit eines Marlboro-Mannes. Sie benutzt Ausdrücke wie I don't give a rat's ass about that und the hell I don't. Ihr Gesicht ist kantig, und wenn man ihr in die Augen sieht, wird man kleinlaut, als würde man in die dunklen Mündungen einer doppelläufigen Schrotflinte blicken.

Ich glaube, allen Europäern mit einer vorgefertigten Meinung über Amerikaner würde es gut tun, sich mal mit ihr zu unterhalten. Denn amerikanischer als Dorothy kann man gar nicht sein - ein Viertel Cherokee, ein Viertel irisch, ein Viertel sizilianisch und ein Viertel französisch. Sie kam als Kind armer Leute in Oklahoma zur Welt, verlor mit elf Jahren beide Eltern, als zuerst ihre Mutter starb und ihr Vater sich danach das Leben nahm. (Indianern fällt es so schwer, die eigenen Gefühle zu zeigen. Es war das Einzige, was er tun konnte, um seinen Kummer auszudrücken.) Sie wurde zu einer Großmutter geschickt, doch als sie 14 war, starb auch die. Sie kam zu einer Pflegefamilie nach Amarillo in Texas, bis sie mit 15 eine strategische Entscheidung traf, wie sie es nennt - heiraten. An Ausbildung war nicht zu denken. Ein Absturz in den Alkoholismus (Mit meinen irischen und meinen Cherokee-Genen hatte ich einfach keine Chance) kostete sie ihre Ehe, zeigte ihr aber auch den Weg in die Politik. Als sie wieder geheilt war, begann sie in der Rehabilitation zu arbeiten, und heute, nach 22 Jahren, leitet sie die größte Kette von Reha-Kliniken in Nevada. Sie sagt: Nichts ist politischer, als sich um Entrechtete zu kümmern - Trinker, Drogenabhängige, Arbeitslose.

Ihre Leidenschaft gehört der Politik, und ihre Ansichten gehören ihr selbst: Osama bezeichnet Amerika als Satan, als Feind der Muslime. Und was tun wir?

Wir greifen ein muslimisches Land an, das uns nicht angegriffen hat! Handeln wie Satan und der Feind der Muslime. Ich fragte Dorothy North, ob es in Nevada noch jemanden gebe, der so denke wie sie, worauf sie erwiderte: Sie würden sich wundern, wie viele - gerade seit dem 11. September.

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Dorothy macht die Unwissenheit und den Rückgang der Zentralisierung in den Vereinigten Staaten für den erbärmlichen Zustand verantwortlich, in dem sich das Land heute befindet. Was früher von den Bundesstaaten entschieden wurde, werde heute von jedem einzelnen County und jeder Stadt geregelt. Und diese Dezentralisierung wirke sich auch auf die Art aus, wie die Leute denken - jeder überlege nur noch, was für ihn selbst und seine Familie gut sei. Mir fällt der junge afroamerikanische Taxifahrer ein, der Erste in Nevada, mit dem ich über die Wahl gesprochen hatte. Ich hatte vermutet, er würde Kerry wählen, aber das war ein Irrtum. Ich hasse Bush, sagte er. Er ist dumm. Er hat uns in diesen Krieg gezogen. Und jetzt hasst man uns in der ganzen Welt.

Aber er ist gegen die Schwulenehe. Ich bin Christ. Und darum geht es. Also bekommt er meine Stimme.

Als ich Dorothy das erzähle, geht sie in die Luft: Der ist einfach genauso verblödet wie all die anderen auch. Wissen Sie, manchmal höre ich auch von Demokraten solchen Schwachsinn und frage mich langsam: Soll man diese Leute überhaupt wählen lassen? Und dann beugt sie sich über ihren Schreibtisch zu mir vor und sagt: Hör mal, Mädchen. Du musst unbedingt wählen gehen.

Mein Staat hat mehr Berge und mehr Alkoholiker pro Kopf der Bevölkerung als jeder andere Staat in den USA. Die Bevölkerungsdichte in meinem County beträgt 0,4 Personen pro Quadratmeile. Einsamkeit, Gewalt und Wurzellosigkeit liegen den Menschen im Blut.

Hier folgen ein paar Nachrufe aus vergangenen Zeiten, die noch immer eine Vorstellung davon vermitteln, in was für einer Stadt ich lebe: Bascon, Louis Summerfeld - Selbstmord, 15. Mai 1874 - er brachte sich im Haus von N. H. A.

Mason um, wo er um die Hand von Ursula Mason angehalten hatte. Sie sagte nein. Er war fünfzehn.

Cassidy, Henry - >General Cas<. Starb am 9. Juni 1876 an Darmentzündung infolge eines Tritts. Teilhaber des Gold Hill Theater. Liebenswürdig, dem Trunk ergeben.

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Argul, William. Getötet 1. Oktober 1886. Von seinem Sohn John, der seine Mutter verteidigte.

Braey, Josef. Gestorben. Stürzte unglücklich in einen Kessel mit siedendem Talg. Aus Frankreich gebürtig, Alter 16.

Wenn man heute den Polizeibericht in einer der Lokalzeitungen liest, stellt man fest, dass sich seither nicht viel verändert hat. Häusliche Gewalt ist der Grund für ein Viertel aller Verhaftungen, und noch immer siedeln sich Leute von überall her in Nevada an, weil es nach wie vor ein Land der Chancen ist. Noch immer kann man hier nach Gold graben, und wenn man keines findet, kann man sein Glück im Spiel suchen. Man fragt die Leute, wen sie wählen, und die Hälfte sagt, sie wählen gar nicht, oder sie sagen, Kerry, weil der keinen schwerreichen Vater hat, der ihm sagt, was er tun und lassen soll. Viele stimmen hauptsächlich deswegen für Bush, weil er Christ ist wie sie, weil er zum gleichen Verein gehört. In meiner Stadt tragen die Leute T-Shirts, auf denen steht vorne W.R.A.N.G.L.E.R.S., und hinten steht, was das bedeutet: Western Ranchers Against No Good Leftist Environmentalist Radical Shitheads - womit Ostküstler und Demokraten gemeint sind. Eureka County ist erzrepublikanisch. Nur zehn Leute sollen beim letzten Mal für Al Gore gestimmt haben. Die Wahl wird von einer städtischen Beamtin namens Frances Gale geleitet. Sie ist Republikanerin und Rancherin. Sie kam aus Oregon nach Nevada, weil die Landparzellen hier größer sind - im Jahre 2002, nachdem die bisherige Verwaltungsleiterin irgendeines Verbrechens angeklagt worden war und ihren Job verloren hatte. (Alles Nachfragen half nichts, niemand wollte mir sagen, worum es gegangen war.) Die Frau aus Oregon kandidierte und bekam den Posten. Sie ist eine gut organisierte, sympathisch wirkende, zähe Person im Cowgirl-Outfit, schätzungsweise Anfang vierzig. Sie war es, die meine Registrierungsbemühungen durchkreuzt hatte.

Ich wurde ausfallend und drohte mit knallharten Anwälten

Ich rief sie von Dorothys Schreibtisch aus noch einmal an. Ich wurde ausfallend, sagte ihr, ich würde eine ganze Truppe knallharter Ostküstenanwälte kommen lassen, die das arme kleine County Eureka mit seinen 1513 Einwohnern wegen Wahlbetrugs vor Gericht zerren würde, und außerdem würde ich sie in einem Zeitungsartikel beim Namen nennen. Dann knallte ich den Hörer auf. Dorothy hatte mir den Text und die Regieanweisungen gegeben.

Ich glaubte nicht, dass es fruchten würde. Doch als ich nach Hause kam, sagten mir meine Freunde, die Verwaltungsleiterin habe versucht, mich zu erreichen. Da wurde ich ganz ruhig. Wenige Stunden später schob sich mein Wagen gemächlich die 88 Meilen auf der Einsamsten Straße der Welt entlang, die mein Haus von der County-Verwaltung in Eureka trennten - durch eine Berglandschaft, deren Pracht das Matterhorn arm aussehen lässt. Vor dem roten Backsteinbau des Gerichts wartete die Verwaltungsleiterin auf mich - und flehte mich fast an, zur Wahl zu gehen.

Zuerst musste ich mich ganz neu registrieren. Unter ihren aufmerksamen Blicken trug ich mich vorsichtshalber als Republikanerin ein. Nachher brauchte ich dann, wie sich herausstellte, doch nicht provisorisch abzustimmen, sondern durfte eine richtige Stimme erster Klasse abgeben.

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Gleichzeitig konnte ich auch noch meine Meinung zu mehreren Änderungen der Verfassung von Nevada kundtun. Am besten gefiel mir die Frage, ob die Vorschrift, die einem Idioten oder Verrückten das Wählen untersagt, eventuell anders formuliert werden solle. Es wäre nicht schlecht, dachte ich, wenn man den Buchstaben dieser Bestimmung ernst nehmen und strikt befolgen würde. Aber dann wurde meine Freude, an der Wahl teilnehmen zu dürfen, doch noch getrübt. Die Verwaltungsleiterin wollte mich nicht wie die anderen Leute aus der Gegend in einer elektronischen Wahlkabine wählen lassen. Stattdessen musste ich einen Wahlzettel ausfüllen. Ich nehme natürlich an, dass sie ehrlich ist, dass sie meinen Wahlumschlag nicht geöffnet hat und dass meine Stimme es bis in die Endauszählung geschafft hat. Bei einem knappen Ergebnis in Nevada kann ich den Vorgang nachprüfen lassen: Mein Stimmzettel hat die Nummer 0242.

AUS DEM ENGLISCHEN VON REINHARD KAISER