Irgendwann, wenn dieser transatlantische Abend in die Nacht übergeht, merkt der Zuschauer, dass die wichtigsten Männer von der Bildfläche verschwunden sind. Jetzt herrschen die Analytiker, Kommentatoren, Demoskopen, Animateure. Von George W. Bush und John Kerry dagegen gibt es nur noch Archivbilder. Die Rivalen selbst haben sich in diesen Stunden des Wartens gleichsam dematerialisiert.

Im Alltag zeigen die europäischen Medien den Präsidenten gern mit gehisster Zungenspitze zwischen den dünnen Lippen. Es ist eine Kleine-Jungen-Zunge, das Zeichen eines umfassenden Argwohns. Aber die letzten Bilder, die wir von Bush vor seinem Abtauchen sehen, dokumentieren eine Stimmung der Milde, fast der Demut: Es ist der Gestus des dankbaren Farmers, der ausgesät hatte, was er an Saatgut hatte, und nun die Ernte einfährt, heiser, entwaffnet, unsichtbare Garben in den offenen Armen. So oft wie möglich hatte Bush sich an diesem letzten Wahlkampftag ins Flugzeug gesetzt, denn das gab ihm die Möglichkeit, immer wieder als Erscheinung vom Himmel zu steigen. Von diesen Szenen zehren die Sender in den nächsten Stunden.

"Weißt du", sagt der deutsche Amerika-Experte Thomas Gottschalk spät in der Nacht zum ZDF-Moderator Claus Kleber, "ich hatte ja auch mal die Ehre, mit dem deutschen Kanzler unterwegs zu sein. Wenn der vorfährt, kommen zwei Audis, und im zweiten sitzt eben Schröder." Wenn der amerikanische Präsident vorfahre, dann sei das eine Prozession von Limousinen, einer rollenden Klinik und etlichen Stuntmännern, die wild die Straße sperrten. Er bewundere die vielen Limousinen, sagt Gottschalk, aber er liebe auch das Land mit den zwei Audis.

Beobachter auf sumpfigem Boden

"Wir müssen lernen, dass wir in einer zusammenwachsenden Welt leben, und je größer ein Land ist, desto größer ist seine Verantwortung", sagt am frühen Abend der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher in einer der vielen Gesprächsrunden auf deutschem Boden, und dieser Devise folgen die Berichterstatter, die nach Washington gereist sind: Einerseits feiern sie hier, mit dem Stolz, das Kapitol im Rücken zu haben, eine Überwahl, eine Weltwahl, aber sie haben die bisweilen spöttische Distanz von Beobachtern, die sich auf sumpfigem Boden bewegen.

Vorgeplänkel: Im ZDF nennen sich Steffen (Seibert) und Petra (Gerster) beim Vornamen, wie sie’s bei den US-Kollegen gelernt haben. In den Nachrichtenkanälen berichten sie von der Angst der Geldkreise vor Bushs Abwahl; kaum wird auf n-tv der Name Kerry genannt, sieht man Bilder von der schäumenden New Yorker Börse. Und RTL hat das raffinierteste Parallelprogramm zur US-Wahl ersonnen; zuerst wählt Reiner Calmund als Big Boss den Supermanager; später wählen verzweifelte Zuschauer im australischen Urwald den Dschungelkönig ("Ich bin ein Star…").

Zurück zu den Großen. Tom Buhrow, der ARD-Mann, dem in dieser langen Nacht ein gewisser schalkhafter Gesichtsausdruck nie verloren geht, als sei er entschlossen, sich hier weder einschüchtern noch hinters Licht führen zu lassen; Claus Kleber, der ZDF-Moderator, der mit der etwas enttäuschten Liebe des langjährigen USA-Korrespondenten aus dem "zur Festung gewordenen Washington" berichtet; Peter Kloeppel, der wie ein einfühlsamer Steuerberater mit unerschöpflicher Geduld die schrittweisen Machtverschiebungen dem RTL-Publikum unterbreitet; der nonchalante Sat.1-Mann Thomas Kausch, der mit der Zurückhaltung des Edelzockers an seinem Tisch vor- und zurückwippt und ergeben "Es wird eine lange Nacht werden" seufzt: sie alle bewahren Haltung und Würde, und gegen drei Uhr in der Frühe fürchten sie, dass in der Morgendämmerung die Ernüchterung und die Anwälte lauern könnten.

Gundula Koch (ZDF) meldet gegen 4.15 Uhr aus Bushs Hauptquartier, es sei hier eine lahme Stimmung. Bei Kerry sei die Partie wohl besser. Kurz zuvor hatte sich der Präsident im Kreis seiner Lieben mit einem Filmchen aus dem Weißen Haus gemeldet, ein Stil- und Traditionsbruch, der Claus Kleber zu der Bemerkung veranlasst: "Sieht so eine Familie aus, die bald ausziehen muss?"