Bevor ich mich nach Sadr City aufmache, dem aus allen Nähten platzenden schiitischen Viertel von Bagdad, ist es besser, Informationen über die dortige Lage einzuholen. Ich denke sofort an Nadir, den Maler, der in Sadr City lebt und im Zentrum Bagdads ein winziges Studio hat. Es liegt in einer Gasse, die von der Kharrada abgeht, einer der großen Geschäftsstraßen Bagdads. In den Bogengängen des Hauses sind zahlreiche Maler untergekommen. Wer von ihnen kein Geld hat, sich selber ein Atelier anzumieten, stellt seine Bilder bei Kollegen aus. Es ist nicht leicht, in einem besetzten Land, das de facto im Krieg lebt, Bilder zu verkaufen. Nadir ist wie viele andere dazu übergangen, mit den Amerikanern Geschäfte zu machen. Immerhin muss er für eine Frau, zwei Kinder und eine kranke Mutter sorgen. Fünfzig Dollar verlangt Nadir für jeden einzelnen Amerikaner, den er malt; für jede Person also, die auf dem Bild vorkommt.

Als ich ihn im vergangenen Sommer traf, war er gerade dabei, die Fotografie, die eine Familie in der amerikanischen Provinz abbildet, mit Ölfarben auf Leinwand zu kopieren. Er musste auch das Familienoberhaupt malen, das auf dem Foto nicht drauf war, weil es zur Zeit der Aufnahme schon im Irak seinen Dienst versah. Nadir war sicher nicht begeistert über diesen Auftrag. Er hat nämlich in Sadr City Berühmtheit erlangt, weil er im Zentrum des Viertels, wenige Meter von dem Hauptquartier der Organisation des radikalen Schiitenführers Muqtada al-Sadr, ein großflächiges Gemälde geschaffen hat.

Nadir hat darauf den Aufstand der Schiiten 1991 dargestellt, der von Saddam Hussein niedergeschlagen worden war. Eine rebellierende Masse, über der die Köpfe der beiden wichtigsten schiitischen Geistlichen der letzten Jahre schweben: Mohammed Baqer al-Sadr und Mohammed Sadeq al-Sadr. Die beiden al-Sadrs sind "Märtyrer des Glaubens". Baqer ist 1980 hingerichtet und Sadeq ist von Saddam Husseins Schergen 1990 erschossen worden. Mohammed Sadeq al-Sadr, aus dessen Erbschaft sein Sohn Muqtada sein Prestige bezieht, hat dem Viertel seinen Namen gegeben. Die Rivalen Muqtadas allerdings nennen es bei seinem ursprünglichen Namen: Thawra, die Revolution.

Die Tür von Nadirs Laden ist verschlossen. Ein Freund Nadirs erkennt mich. Er erzählt, dass Nadir verhaftet worden sei. "Die Amerikaner sind gekommen und haben ihn mitgenommen. Er hatte ein Bild von Muqtada bei sich." So ist Nadir die Nummer 162588 von Abu Ghraib geworden. Nadir hat wie jeder andere Gefangene von Abu Ghraib kein Recht auf einen Anwalt, und er hat nicht einmal das Recht zu erfahren, welchen Vergehens man ihn beschuldigt. Während täglich Bombenleger ihr tödliches Handwerk verrichten, wird ein Mann verhaftet, weil er ein Bild von Muqtada bei sich aufbewahrt. Nadir ist kein Einzelfall. Mir ist erklärt worden, dass die Besatzungssoldaten für den Fall, dass sie einen Verdächtigen nicht erwischen, "Leere" um ihn herum schaffen, indem sie Familienangehörige festnehmen, manchmal Frauen und Kinder, auch kleine Kinder.

Nadir hat aus seinen Sympathien für Muqtada nie einen Hehl gemacht, aber er hat dies immer nur mit Worten getan, während viele in Sadr City Muqtadas bewaffneter Miliz, der Jaish al-Mahdi, angehören. Diese Miliz hat sich inzwischen angeblich selbst entwaffnet. In Sadr City aber heißt es, dass diese Entwaffnung nur die Gelegenheit war, alte Schießprügel loszuwerden. Viele Milizionäre haben auch von Händlern billige Waffen erstanden, die sie anschließend teuer an die irakische Regierung verkauft haben. Eine Kalaschnikow kostet auf dem Schwarzmarkt 70 bis 80 Dollar. Die Regierung hat dafür 150 bezahlt. Zwei Millionen Dollar hat sie insgesamt für die Entwaffnung bezahlt. Im Gegenzug darf Muqtada an den kommenden Wahlen teilnehmen – wenn er das überhaupt vorhaben sollte. Muqtada hält sich nämlich immer beide Optionen offen. Krieg oder Frieden. Im Übrigen folgt er dabei dem Beispiel der Regierung und der Besatzer. Ihre Politik besteht aus Zuckerbrot und Peitsche.

Muqtada hat der Entwaffnung unter zwei Bedingungen zugestimmt. Erstens sollten die Gefangenen befreit und zweitens sollte Sadr City wieder aufgebaut werden. Zu Beginn haben die Amerikaner nur seine engsten Mitarbeiter freigelassen, aber vor rund zehn Tagen ist auch Nadir aus dem berüchtigten Gefängnis Abu Ghraib freigekommen. Khadum, ein Nachbar Nadirs, hingegen wartet immer noch auf eine Wiedergutmachung der Schäden, die US-Soldaten während der Rebellion in Sadr City in seiner Wohnung angerichtet haben. Als ich Khadum im September traf, war er völlig verzweifelt. Die Amerikaner hinterließen, als sie nach tagelanger Besetzung seine Wohnung endlich wieder räumten, ein vorgedrucktes Formular. Darin erkannten sie an, dass sie für die Schäden verantwortlich seien, garantierten aber keine Entschädigung.

Jetzt, wo ich ihn treffe, hat Khadum etwas mehr Hoffnung. Einem Freund von ihm ist es nämlich gelungen, eine kleine Summe für sein beschädigtes Haus zu ergattern. Vielleicht schafft Khadum das auch. Nach dem Ende der Kämpfe in Sadr City konnte er jedenfalls seinen winzigen Laden wieder aufmachen, in dem er CDs mit den Predigten Chomeinis und der al-Sadrs verkauft. Sein Laden, der neben der zentralen Mohsen-Moschee liegt, ist daher ein Treffpunkt für Radikale. Vielleicht werden in Khadums Laden neben den Abbildungen Chomeinis bald die Wahlplakate Muqtadas hängen.

Aus dem Italienischen von Ulrich Ladurner