War es die Lust am Sex oder der Wunsch nach Nachwuchs, der unsere Vorfahren kopulieren ließ? Weder noch. Lediglich der Austausch genetischer Information stand im Mittelpunkt ihres Interesses. Schon vor Milliarden Jahren, zu einer Zeit, als die Welt noch ihnen allein gehörte, entdeckten manche Bakterien die Zweisamkeit. Sie durchmischten ihre Gene und erhielten so die Chance, sich besser an die Umwelt anzupassen. Die Lebewesen sind heute größer und vielfältiger geworden, und der Sex entwickelte sich ebenfalls weiter – mit einer Vielzahl von spannenden und überraschenden Varianten.

Mini-Mann und Mega-Frau

Dass sich Mann und Frau voneinander unterscheiden, wird niemand ernsthaft bestreiten. Das zeigt sich beim Einparken oder bei verschiedenfarbigen Fell- und Federkleidern von Tieren. Doch für die Grüne Bonellia (Bonellia viridis) sind das Kleinigkeiten. Das Bonellia-Weibchen ist 1000-mal größer als ihr Gatte. Deswegen haben Forscher die Männchen auf den Weibchen lange Zeit für kleine Parasiten gehalten, etwa wie Läuse oder Flöhe auf Hunden. Das ungleiche Paar gehört zum wenig bekannten Stamm der Echiurida oder Igelwürmer. Sie leben auf dem Meeresboden in einer Tiefe von bis zu 10000 Metern. Im so genannten Hautmuskelschlauch, dem Körper des Wurms, sind die üblichen Organe zu finden: Verdauungssystem, Geschlechtsorgane, Nerven. Überflüssig scheinen dagegen Augen, Nasen und Ohren. Äußerlich könnte man die Grüne Bonellia leicht mit einer eingelegten Gurke verwechseln. Wie steht das einen Millimeter kleine Männchen bei dem einen Meter großen Weib seinen Mann? Die Vorstellung eines Ganzkörperoralverkehrs mag helfen: Das Weibchen schluckt das Männchen für die Befruchtung ihrer Eier. Bis zu 85 Männchen wurden schon im Darm eines Weibchens gefunden. Hin und wieder bohrt sich eines von ihnen durch die Darmwand, um durch die Leibeshöhle zum Eileiter zu wandern. Da die Herren der Schöpfung so klein sind, haben sich die wenigen vorhandenen Organe bei ihnen noch weiter zurückentwickelt. Die frühere Speiseröhre wurde praktischerweise zum Samenspeicher und -leiter umgebildet. Genau genommen spuckt das Männchen seinen Samen also direkt aus dem Mund auf die Eier.

Liebe macht blind

Was den Liebhaberinnen homoerotischer Spiele eher widersprüchlich erscheint, ist für die Weibchen einer bestimmten Rüsselkäferart, Diaprepes abbreviatus, notwendige Taktik: Sie praktizieren die gleichgeschlechtliche Liebe, um überhaupt einen Mann zu finden. Die Käfer leben in Amerika – und dort auf Pflanzen. Sie sind etwa einen Zentimeter groß, die Weibchen etwas größer als die Männchen. Das ist aber schon der einzige Unterschied zwischen Mann und Frau – und das Problem der Diaprepes- Männer. Sie haben große Schwierigkeiten, Weibchen überhaupt zu erkennen, für sie sehen alle irgendwie gleich aus. Da müssen die Damen einen Trick anwenden. Zwei Weibchen, die sich offensichtlich gegenseitig erkennen, schließen sich zusammen. Eines von beiden spielt das Männchen und besteigt das andere. Das sieht ein Männchen, denkt sich: Wo zwei kopulieren, muss mindestens ein Weibchen sein, und rennt sofort hin. Zu seiner Überraschung hat er dann gleich zwei Wunschkandidatinnen zum Beglücken vor sich – wie schön.