Die Revolution lässt ihre Diener in der Stunde der Bewährung nicht allein. Eine Abgesandte der kubanischen Botschaft und ein Herr, der als Übersetzer vorgestellt wird, stehen Camilo Guevara, Sohn des Che, Sachverständiger für den Che, zur Seite. In der Metternich-Suite des Hotels Sacher in Wien herrscht gedämpftes Rot, die Vorhänge wallen mehrschichtig. Camilo Guevara lässt sich in ein Biedermeier-Sofa fallen. Er trägt Schwarz. Er ist jetzt 42, ein Jahr älter als sein Vater, als der in Bolivien ermordet wurde, am Sonntag, den 9. Oktober 1967, um zehn nach eins am Nachmittag.

Im Osten Boliviens führt jetzt ein Touristenpfad zu den letzten Stationen im Leben des weltberühmten Guerilleros, finanziert von einer englischen Wohltätigkeitsorganisation. Che Guevaras Bild prangt auf T-Shirts und Wodkaflaschen, der Sohn hat es auch schon als Signet auf Papiertaschentüchern entdeckt – all diese Aktivitäten der Verwertung, sagt er, behagten ihm gar nicht. Früher oder später, kündigt er an, im Ton von einem, der sich an den Absonderlichkeiten des Lebens nicht mehr zu erfreuen vermag, werde die Familie gegen solchen Missbrauch gerichtlich vorgehen. "Es ist nicht richtig, mit dem Bild des Che Geld zu verdienen. Sein Werk, alles, was er hinterlassen hat, sollte sozialen Zwecken zukommen." Er sagt Che, selten Vater. Camilo Guevara arbeitete lange im Fischereiministerium, jetzt sitzt er im Studienzentrum Ernesto Guevara in Havanna und verwaltet dort, unter der Leitung seiner Schwester Aleida, das geistige Erbe des Vaters.

Man würde nicht sagen, dass Camilo seinem Vater gleicht mit seinem pausbäckigen Gesicht, seinem Kinnbart, den im Nacken zusammengebundenen Haaren. Man kann ihn sich als vieles vorstellen, als zufriedenen Bäcker, als Animator in einem Touristendorf, auch als Sohn. Wenn man den alten Revolutionsbildern vertrauen kann, hat er eher das breite Gesicht seiner Mutter, die auch Aleida hieß; Che hatte sie auf dem Marsch nach Havanna kennen gelernt, vier Kinder setzten sie in die Welt.

Zuvor, als Ernesto Guevara jung und bartlos durch Lateinamerika streifte, war er schon einmal verheiratet gewesen, mit Hilda, einer Peruanerin, und von ihr hatte er eine Tochter, die ebenfalls Hilda hieß. Über diese Zeit, die erste Reise Guevaras von Argentinien über Chile in ein peruanisches Lepradorf am Amazonas, hat der brasilianische Regisseur Walter Salles einen Film gedreht, Diarios de Motocicletta, in der Synchronfassung Die Reise des jungen Che. Salles hat sich von Camilo Guevara in Kuba zu Recherchezwecken herumführen lassen. Es ist ein süßlicher Film geworden, der weiter an der Legende des Che spinnt. Deswegen ist es folgerichtig, dass Camilo Guevara nun diesen Film bewirbt, auf einer Reise, bezahlt von der kubanischen Botschaft.

Wie Camilo Guevara den Film findet? Wunderbar. Es sei genau so, wie er es sich immer vorgestellt habe, dass es gewesen sei, als er die Tagebücher seines Vaters gelesen habe. Die Szene, wo die beiden Freunde hungrig und abgerissen zwei Chileninnen auftun und alles auf bestem Weg scheint, bis Ernesto, der Arzt, zu einer kranken Alten gerufen wird und natürlich sofort hingeht und die Kleine sausen lässt, die hat ihm am besten gefallen.

Camilo plaudert munter und zwanglos, was ihn zu einem angenehmen Gesprächspartner macht. Bis die Rede auf die argentinischen Abgeordneten kommt, denen es jüngst in den Sinn kam, einen politischen Vorstoß zu unternehmen, um die Leiche des Che von Kuba in seine Heimat zurückzuführen, nach Argentinien. Da beschleunigt Camilo Guevara den rhetorischen Fluss unglaublich: "Ich sagte den Argentiniern, wir sind die Familie und haben das Recht, den Toten zu begraben, wo wir es für richtig halten. Aber ich sagte ihnen auch, der Che kann begraben sein, wo er will, wichtig ist, dass sein Geist lebt, und er lebt dort, wo der Tagelöhner ist, er lebt bei den Landlosen, er lebt dort, wo es eine gerechte Sache zu verteidigen gibt, dort lebt der Che, und er gehört niemandem. Alle haben ein Recht auf ihn."

Er setzt ab, um Atem zu holen.

Ist es eine Last, einen großen Vater zu haben?