In Zukunft möchte ich mich von Zeit zu Zeit grundsätzlich zum Zustand der Künste in Deutschland äußern.

Teil eins: das Theater. Ich gehe nur noch selten ins Theater. Weil, es ist immer das Gleiche. Auch die Almodóvar-Filme sehen sich untereinander ähnlich, aber beim Theater ist es extremer. Ich habe fünf Frank-Castorf-Inszenierungen gesehen, meiner Ansicht nach war es fünf Mal das gleiche Stück. Als Koch, Friseur oder Kolumnist musst du versuchen, dir für die Kundschaft ständig was Neues einfallen zu lassen. Zum Beispiel ein neues Wort wie "Schrumpfpürzel". Theaterregisseure stehen nicht unter diesem Druck. Außerdem sind die meisten Inszenierungen so anstrengend, dass es mir wie ein Fitness-Test vorkommt.

Die Regisseure sagen: Wir verweigern uns den Erwartungen, sind unbequem, Revolutionäre. Wer dreißig Jahre lang bei guter Bezahlung das Gleiche macht, kann doch unmöglich unbequem oder ein Revolutionär sein. Außerdem geht heutzutage jeder Mensch ins Theater mit der Erwartung, dass sie das, was sie, irrtümlicherweise, für die Erwartung des Publikums halten, garantiert nicht erfüllen.

Ein Freund, der sich auskennt, hat mich in ein Stück mitgenommen. Es hieß Pablo in der Plusfiliale. Der Regisseur wird, sagt der Freund, wahrscheinlich bald Nachfolger von Castorf, weil Castorf sich inzwischen langweile und nur noch deswegen zur Arbeit ins Theater gehe, weil ihm zu Hause die Decke auf den Kopf falle.

In dem Stück liefen Schauspieler umher, darunter mehrere gut aussehende und dünn angezogene Frauen, und schrien mit aller Kraft theoretische Texte über die Globalisierung, über Sexualität und all das. Dazu wurde laute Musik gespielt, zum Teil Oldies. Es hatte Power, das gebe ich zu, außerdem gefallen mir Stücke mit gut aussehenden Schauspielerinnen darin sowieso immer eine Spur besser als Stücke, die auf den Einsatz von gut aussehenden Schauspielerinnen verzichten.

Der Freund sagte, das Stück sei antikapitalistisch. Ich sagte, dass ich inwendig von antikapitalistischer Kunst voll bin wie ein Schwamm, den man in die Badewanne geworfen hat. Ich habe, alles in allem, fünf Jahre meines Lebens mit dem Betrachten von antikapitalistischer Kunst verbracht.

Dabei war ich sowieso kapitalismuskritisch. Von Anfang an. Was wollen die Künstler überhaupt von mir? Aber andere Kunst gibt es praktisch nicht. Kunst muss gegen das Bestehende sein, das Bestehende ist halt der Kapitalismus. Das, was nicht gegen den Kapitalismus ist, heißt "Journalismus".