An geschriebenen Porträts des wortreichen Peter Weibel, Akteur und Animateur seit den sechziger Jahren, mangelt es nicht. Aber immer wieder müssen diese Porträts nicht nur ergänzt, sondern erneuert werden.

Vordergründig, weil eine neue Position, eine Ausstellung oder eine Publikation hinzugekommen ist. Oder, wie im Jahr 2004, der 60. Geburtstag. In Wahrheit aber, weil diese Daten immer ein Anlass sind, von Peter Weibel nolens volens irritiert zu werden. Er ist nicht wie ein Baum, der über die Jahre hinweg neue Ringe ansetzt, sondern wie ein Stein, der, ins Wasser geworfen, neue Wellen produziert.

So auch jetzt, und das gleich doppelt: in Graz und Karlsruhe. Dort ist Weibel seit 1999 Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Seit diesem Frühjahr leitet er außerdem das unter demselben Dach angesiedelte Museum für Neue Kunst. Das Haus, das lange vor sich hin dümpelte, wird in diesem Monat mit einem Feuerwerk von Veranstaltungen wiedereröffnet - es ist auch endlich wieder die Medienkunst zu sehen, die den Charakter der Sammlung prägt.

In Graz hingegen zeigt sich Weibel selbst - mit seinen frühen Arbeiten und Aktionen als Künstler. Im weiträumigen Treppenhaus der Neuen Galerie weht unter einem prächtig illusionistisch getürmten Deckengemälde ein frischer Wind. Dass es sich um denselben handelt, sagen auch die flackernden Neonbuchstaben WIND, und auf einer Tafel lesen wir, dass dieser Wind von 1947 ist, ein Nachkriegswind. Viel Wind um nichts? Namen sind Schall und Rauch?

Peter Weibel, 1944 in Odessa geboren, ist ein Österreicher bis in alle Fasern des Hirns hinein. Also fängt der junge Mann, der in Wien Mathematik, Logik und Philosophie studiert und eine Dissertation über Modallogik geschrieben hat, bei der Sprache an, irgendwo zwischen Ludwig Wittgenstein und Karl Kraus. Im Spiel mit Buchstaben, Wörtern und kategorischen Formulierungen, die auf den Boden geschrieben oder an die Wand gepinselt, durch Fragmentierung amputiert oder durch Reihung auf die schiefe Ebene gebracht und manchmal in die lichten Höhen des Paradoxons befördert werden, tritt Weibel von Anfang an in einer Doppelrolle auf: als visueller Poet und als dekonstruktivistischer Theoretiker.

Vor Bruce Nauman hat Weibel mit der fluktuierenden Präsenz der Neonschrift gearbeitet, vor Jenny Holzer Wörter in Stein meißeln und als Epitaph erstarren lassen, damit aber keine Markenzeichen geprägt, sondern Ausdrucksformen und Erkenntnismöglichkeiten erprobt - und sich sogleich in ein neues Experiment, auf ein anderes Feld begeben. Und so eine Laufbahn der Kontinuität in der Diskontinuität begonnen.

Weibels Beständigkeit liegt in der Beweglichkeit. Weshalb auch sein Interesse nicht so sehr den Produkten der Kunst gilt als der Dynamik künstlerischer Prozesse. Dabei haben die elektronischen Medien, vor allem die Videokamera, die jeder benutzen und die uns alle überwachen kann, den Handlungsspielraum des Künstlers und das Forschungsfeld des Theoretikers explosionsartig erweitert, vor allem auch um das Element der Interaktion von Mensch und Maschine. Seit den siebziger Jahren hat Weibel unter dem Titel Expanded Cinema Videoinstallationen geschaffen, die den Betrachter an seiner Wahrnehmung zweifeln lassen. Ach so, sagt er sich, wenn er näher herangeht und sieht, dass der blaue Nivea-Ball, den er für eine Projektion hielt, ganz echt ist.