Berlin

Während die Welt und Amerika auf die Alternative Bush oder Kerry wie auf einen apokalyptischen Showdown starrten, war die quasioffizielle Grundstimmung in Berlin ganz anders: keine dramatischen Unterschiede in der Washingtoner Außenpolitik, egal, wer gewinnt. Vom grünen Außenminister bis zum christdemokratischen US-Loyalisten Friedbert Pflüger sind alle überzeugt, dass die Prioritäten der Vereinigten Staaten vom 11. September bestimmt bleiben werden - im Zweifel für Amerikas Sicherheit, und notfalls handelt die Weltmacht allein.

So tief, wie die Vereinigten Staaten auch in der Außenpolitik gespalten sind, vom Thema Irak bis zu den Vereinten Nationen, wirkt die Egal-Theorie etwas erstaunlich. Man muss die Dinge schon recht abstrakt betrachten, um in Bush nicht eine sehr andere Philosophie der internationalen Beziehungen verkörpert zu sehen als in Kerry. Bushs Sieg könnte der rot-grünen Regierung sogar recht sein: Ihm ist sie zu nichts verpflichtet, schon gar nicht zu militärischer Hilfe im Irak, während die Opposition sich vor dem Ruf der Bush-Freundlichkeit fürchten muss. Aber niemand kann ernsthaft wollen, dass der Kalte Krieg mit Washington weitergeht. Die größte Sorge ist, wir könnten nun erst erleben, was wirklicher Antiamerikanismus ist: Die Vereinigten Staaten haben sich sehenden Auges zum Präsidenten bekannt, kein Grund mehr für feine Unterscheidungen zwischen dem Land und seiner Führung.

2004 war ein Jahr der transatlantischen und deutsch-amerikanischen Scheinversöhnungen. Schröder war wieder im Weißen Haus, zum 60. Jahrestag der Landung in der Normandie wurden die GIs als Befreier Europas gefeiert, die G8-Industriestaaten bekannten sich zur Demokratisierung des Mittleren Ostens, die Nato wurde mit dem Training irakischer Sicherheitskräfte beauftragt. Aber nichts davon hat das gegenseitige Misstrauen zerstreut und die Entfremdung rückgängig gemacht. 2005 muss man über die Symbole und Formelkompromisse hinauskommen, sonst rückt die Rekonstruktion des Westens in weite Ferne. Es geht um die Agenda der kommenden Monate und um eine strategische Arbeitsteilung für die Zukunft - das ist der Job der politischen und diplomatischen Profis. Es geht aber auch, jenseits der Profi-Sphäre, um das Amerika-Bild als Grundlage der politischen Beziehungen, sozusagen um die kollektivpsychische Tiefenbefindlichkeit des Bündnisses.

Der deutsche Außenminister teilt die amerikanische Großanalyse: Der Broader Middle East von Nordafrika bis Zentralasien ist der Krisenschwerpunkt der Weltpolitik, radikaler Islamismus und Massenvernichtungswaffen sind die Hauptgefahren des beginnenden 21. Jahrhunderts. Weniger sicher ist er sich, ob die objektive Interessengemeinschaft auch gemeinsames Handeln hervorbringt. Fischer, der Freund historischer Analogien, fragt sich, ob sich die dreißiger Jahre wiederholen: Uneinigkeit und Unentschlossenheit der freien Welt im Angesicht einer totalitären Bedrohung. Oder ob wir Glück haben, besser gesagt: es richtig machen, sodass die Vierziger das Modell werden, als Roosevelt und Truman eine neue Weltordnung unter maßvollkluger amerikanischer Führung schufen.

In der Irak-Frage hat sich die Bundesregierung eingemauert. Nicht dass es falsch wäre, keine deutschen Truppen zu schicken - auch ein wasserreiner Atlantiker wie Pflüger würde das derzeit nicht wollen. Aber das Berliner Nein ergibt sich nicht aus einem sachlichen Für und Wider, aus der Einschätzung der gegenwärtigen Lage - es ist ein Fetisch, ein unantastbarer Glaubensartikel, die immer währende Bestätigung der Kriegsgegnerschaft von 2002 und 2003, die für Rot-Grün identitätsstiftend geworden ist.

Was man jetzt im Irak tut oder bleiben lässt, hat aber mit der Kriegsfrage von damals nicht mehr viel zu tun. Die deutsche Regierung war gegen die Invasion, sie hält sie nach wie vor für einen Fehler - ein möglicher Militäreinsatz zur Friedenssicherung wäre ein anderes, neues Thema. Man kann auch zweifeln, ob das Ohne uns! wirklich so felsenfeste Volksmeinung ist, wie Rot-Grün gerne glauben möchte. Der German Marshall Fund hat kürzlich in einer Untersuchung zur transatlantischen Stimmungslage ein interessantes Detail publiziert, das nicht viel Beachtung fand: 57 Prozent der Bundesbürger würden der Entsendung deutscher Soldaten als Teil einer UN-Schutz-und-Wiederaufbautruppe für den Irak zustimmen. Wir sind weit davon entfernt, dass so etwas aktuell wäre. Aber ein Dogma Kein Bundeswehrstiefel im mesopotamischen Sand lässt sich aus solchen Daten nicht begründen.