In der Keimzelle der Sehnsucht – Seite 1

Sarah Barth hat sich heute Abend mal so richtig schickgemacht, mit figurbetonendem Abendkleid und Pumps. Schnell kontrolliert die 16-Jährige im Schminkspiegel noch Lippen und Augenbrauen. Doch die Jugendliche aus der Kleinstadt Elmshorn bei Hamburg geht nicht in die Disko, sondern zum Themenabend „Liga der außergewöhnlichen Ladys and Gentlemen“ der Jugendbewegung Entschieden für Christus (EC). Dieser Verband ist eine christliche Einrichtung, die bereits 1881 in den USA gegründet worden ist. In Portland hatte der junge Gemeindepastor Francis E. Clark 50 Jugendliche zu einem festeren Glauben an Jesus bekehrt und gewissermaßen das Konfirmationsgelübde erneuert. Dazu mussten sie sich sogar schriftlich verpflichten: For Christ and the Church , für Christus und die Kirche, hatten die Mitglieder fortan zu leben, streng nach den Geboten Gottes. Im Mittelpunkt standen damals wie heute intensives Bibelstudium und wöchentliche Gebetsversammlungen. Ladys und Gentlemen für Gott: Die Jugendgruppe der Entschiedenen Christen in Elmshorn (Foto: CE)

Das fand anscheinend großen Anklang: Nach Informationen des EC zählte die Bewegung 1894 weltweit vier Millionen Mitglieder, die in 56 Jugendgruppen organisiert waren. Schnell schwappte die christliche Erweckungswelle nach Deutschland über: Noch im gleichen Jahr gründeten sich auch die ersten deutschen Jugendverbände für Entschiedenes Christentum. Heute zählt die Christian Endeavour Union (CE) nach Informationen des EC nur noch zwei Millionen Mitglieder in 50 Ländern. Allerdings sei es schwierig, die genaue Zahl zu bestimmen, denn die Definition der Mitgliedschaft ist in den Nationalverbänden verschieden gefasst. Außerdem werde kein Besucher der CE-Veranstaltungen gezwungen, sich schriftlich zum CE zu bekennen. Zu den CE-Mitgliedern kommt so noch eine nicht bezifferbare Zahl einfacher CE-Anhänger. Der weltweit bekannnteste CE-Anhänger dürfte im übrigen US-Präsident George W. Bush sein.

In den USA bekennen sich die CE-Anhänger oft lautstark zu ihrem Glaubensbekenntnis. Regelmäßig gehen dort junge Frauen auf die Straße, tragen große Plakate, auf denen sie sich gegen Sex vor der Ehe aussprechen und sich für ein restriktives Abreibungsrecht stark machen. Die texanische Gouverneurin Miriam Ferguson, bekennende Christin und CE-nah, sprach sich gegen das Lehren von Fremdsprachen an den Schulen aus. Ihre Begründung: „If English was good enough for Jesus Christ, it's good enough for us“. Wenn Englisch für Jesus Christus gut genug war, ist es das auch für uns. Und CE-Anhänger und US-Präsident George W. Bush beteuert, durch Gott vom Alkoholismus weggekommen zu sein. Außerdem habe er es ausschließlich dem Allmächtigen zu verdanken, dass er wiedergewählt wurde.

In Deutschland gliedert sich der EC in 16 Landesverbände, die zur evangelischen Landeskirche gehören. 3500 Jugendgruppen erreichen über 50.000 junge Menschen. Der EC unterscheidet zwischen Mitgliedern, die fest zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben und dies auch durch Unterschrift dokumentierten, und Freunden, die bei den Veranstaltungen mitmachen. Das freiwillige soziale Jahr kann beim EC abgeleistet werden, und es gibt EC-nahe Buchläden sowie Stiftungen. Außerdem engagiert sich der Verband in der Entwicklungshilfe.

Daniel Riewesell ist 26 Jahre alt, Wirtschaftsingenieur und Jugendleiter von Sarahs Jugendgruppe in Elmshorn. „Mit Teetrinken und Räucherstäbchenabbrennen locken wir keinen hinter dem PC hervor.“ 200 Mitglieder, davon 30 Jugendliche, treffen sich regelmäßig in einem Altbau zwischen Bahnhof und Innenstadt. Dort, in hellen Räumen mit grauer Prägetapete mit Blümchenborte und blauen Polstersitzgruppen, wird der Gottesdienst abgehalten, trifft sich die Jungschar und basteln die Kinder. Auf dem Programm stehen auch gemeinsame Ausflüge zur Ostsee oder in den Heidepark Soltau, doch „das Bibelstudium und das gemeinsame Beten gehören immer noch zum festen Bestandteil unserer Jugendarbeit“, betont der Elmshorner.

Am heutigen Abend befassen sich die jungen EC-Mitglieder vor ihrem festlichen Themenabend mit dem Fisch, dem Erkennungszeichen der Christen. Nils Tiedemann, 26 Jahre alt und KfZ-Mechaniker, arbeitet als Referent beim EC. „Im Konfirmationsunterricht werden die Bibelinhalte nicht so ausführlich besprochen wie hier. Das ging mir alles nicht weit genug. Außerdem haben viele Jungen und Mädchen die Veranstaltung nur besucht, weil sie von ihren Eltern dazu gezwungen wurden.“ Einen festen Mitgliedsbeitrag gibt es beim EC nicht. „Wer verdient, soll ein Zehntel seines Lohns abgeben, muss dies aber nicht“, sagt Tiedemann. „Jeder so, wie er kann.“

Beim Bibelkreis geht es streng zu. Essen und Trinken oder auch nur leises Unterhalten am Rande werden nicht gern gesehen. „Das holen wir später nach“, sagt Tiedemann, der für die Ladys und Gentlemen ein Quiz vorbereitet hat. „Ziel soll sein, Vorurteile zwischen den Geschlechtern auszuräumen. Wir wollen zeigen, dass der Spruch ‚Kleider machen Leute’ nicht stimmt.“

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Doch bevor es losgeht, haben die Entschiedenen Christen Spaß beim Dart-Spiel und am Tischkicker. Sarah, die den Jungen gerade vorgeführt hat, dass es durchaus damenhaft sein kann, im Abendkleid am Tischkicker zu stehen und Tore zu schießen, setzt sich einen Augenblick mit ihrer Freundin Sarah Tente auf die große blaue Sitzgruppe. „Mir bereiten die strengen Vorgaben beim EC keine Schwierigkeiten. Ich halte mich an die Gebote. Auf Sex vor der Ehe kann ich gut verzichten“, sagt das hübsche Mädchen und zieht ein wenig ihr Dekolletee zurecht. Ihre Freundin stimmt ihr zu. „Da ist überhaupt nichts Lächerliches dran. Meine Freunde in der Schule finden mich komisch, weil ich nicht mit ihnen in irgendwelchen Ecken stehe und über andere ablästere. Dabei sagt Gott, Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“.

Ein weiterer 16-Jähriger stellt sich dazu. Sein graues Jackett ist noch etwas zu groß für ihn. „Manchmal gucken die Leute schon komisch, wenn die merken, dass ich ein bekennender Christ bin“, sagt Christoph Kühl. Leise berichtet der schüchterne Elektrolehrling, wie er seinem Meister immer erzählt, dass er dem EC bei großen Veranstaltungen mit der Elektrikanlage hilft. „Der guckt mich dann auch nur an und sagt nichts.“ Hier in der Gemeinschaft fühlt er sich sehr wohl. „Viele Jugendliche haben dieses Geborgenheitsgefühl nicht. In meiner Klasse haben einige Schüler keinen Abschluss, keine Ausbildung, hängen am Bahnhof rum und nehmen Drogen und stürzen total ab. So stelle ich mir mein Leben nicht vor“, sagt er und schaut zu Boden.

Auch Jugendleiter Riewesell befolgt die Gesetze Gottes. „Ich halte es für falsch, unser Verhalten als konservativ und altmodisch einzustufen. Gottes Gebote existieren schon seit Jahrhunderten. Sie stehen für sich und sind keine schnelllebige Mode.“ Das versucht er dann auch den Teenagern zu erklären. „An Geborgenheit und Orientierung soll es jedoch auch nicht fehlen“, sagt der Elmshorner. „Ich glaube, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl schätzen und brauchen viele Jugendliche. Genau das können die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden den jungen Menschen nicht bieten. Die denken nur daran, mit allen Mitteln die Institution als solche zu erhalten und kümmern sich nicht um die Menschen. Da fehlt ganz viel Sehnsucht zu Gott und Jesus Christus“. Deshalb legt er Wert darauf, dass die Jugendlichen sich bei Problemen zu Hause, in der Schule oder im Beruf an ihn wenden können. Außerdem kümmert er sich persönlich darum, wenn einer seiner Schützlinge die Lust am Gemeinschaftsleben verlieren sollte. „Da schau ich mir an, was los ist“, betont der Jugendleiter.

Doch er muss auch einräumen, dass einige Eltern Schwierigkeiten mit der starken Ausrichtung an Gottes Wort haben. „Da kommt schon Kritik“, sagt er und schaut aus dem Fenster, dort, wo kein Kirchturm die Altstadt Elmshorns überragt, sondern ein Hochhaus mit der Leuchtreklame eines großen Teppichhauses. „Andererseits sind diese Eltern auch froh, dass ihre Kinder hier sind und nicht irgendwo auf der Straße rumhängen.“