Der brutale Meinungsmord an Theo van Gogh ist mehr als eine nationale Tragödie für die Niederländer. Der Tod des Filmemachers, Opfer eines offenbar fanatisierten marokkanisch-niederländischen Islamisten, ließ vor allem politische Intellektuelle auch jenseits des Polderlandes zutiefst erschrecken. Was man in Europa seit langem nur noch aus Nordirland, aus dem Baskenland und vom Balkan kannte – Fememorde auf Grund von religiösem Hasses und politischem Fanatismus –, scheint nun im Gefolge der globalen Auseinandersetzungen mit dem radikalen Islam überall möglich zu sein.In Berlin beispielsweise. Dort stelle auf einer Konferenz über Kommunikationsprobleme sozialdemokratischer Reformprojekte einer der holländischen Teilnehmer, René Cuperus von der Wiardi-Beckman-Stiftung, rhetorische Fragen, die auch den Nichtholländern unter die Haut gingen: "Wie diskutiert man über Probleme des öffentlichen Diskurses, wenn dieser Diskurs insgesamt vergiftet ist? Wenn er geprägt ist von Angst, Hass und Unsicherheit?" Politische Morde, sagte er, kenne man aus der Geschichte genügend, doch Intellektuelle, Künstler und Meinungsmacher als Opfer – das sei eher selten. Ob es Vergleichsmöglichkeiten gebe, um die neue Dimension des Schocks für die holländischen Intellektuellen auch anderswo nachvollziehbar zu machen, fragte Cuperus, Mitarbeiter eines linken Think-tanks in Amsterdam. Und nannte selbst gleich ein paar illustrative Beispiele: "Stellen Sie sich vor, in Paris wäre Alain Finkielkraut auf offener Straße ermordet worden, oder Rainer Werner Fassbinder in Berlin, Will Hutton in London, Michael Moore in New York – von einem fanatischen Moslem mit Messer und Pistole regelrecht exekutiert."Das drückt nicht nur auf die Stimmung, wie jede öffentliche Gewalttat. Die Wirkung reicht darüber hinaus. Sie untergräbt das individuelle Gefühl der Sicherheit in der Demokratie. Sie zerstört das Urvertrauen in die Regeln des friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher oder gar gegensätzlicher Kulturen in der demokratischen Gesellschaft. Und sie nimmt den Demokraten die Unbefangenheit, mit der sie bisher Konflikte mit ihrem Rechtsverständnis kritisierten und gegebenenfalls auch verfolgten, von der alltäglichen Diskriminierung der Mädchen über die "Frauenbeschneidung" bis zu den sogenannten "Ehrenmorden" moslemischer Männer an weiblichen Familienmitgliedern wegen – angeblichen oder tatsächlichem – Ehebruchs.Wird es fortan lebensgefährlich, fundamentalistische Fehlentwicklungen zu kritisieren? Wird es, wenn das Amsterdamer Beispiel unter Fanatikern Schule macht, von nun an zunehmend riskant, sich mit scharfem öffentlichen Protest gegen die verbalen Exzesse so genannter "Hassprediger" zu wehren? René Cuperus hat sich verständlicher weise einen Moment lang auch gefragt: Soll und kann er es sich als Familienvater eigentlich leisten, in Artikeln und Debattenbeiträgen ´weiterhin gegen den EU-Betritt der Türkei zu argumentieren? Ein falsches Wort gegen den Islam, ein hartes Argument gegen einen moslemischen Imam, schon gibt es Drohanrufe und Hass-mails. "Die Stimmung ist völlig umgeschlagen."Und das friedliche Holland gibt es nun endgültig nicht mehr. Ohnehin war es nie so freundlich, tolerant und gelassen, wie es sein Image als Land mit der liberalsten Drogenpolitik in der EU vor gaukelte. Aber politische Gewalt hat es in der neueren Geschichte nicht gekannt, bis zum Mord an dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn am 6. Mai 2001. Das war der erste Schock, mit weit reichenden Folgen für die politische Klasse (und die politische Machtverteilung im Lande). Nun gibt es schon den zweiten Toten innerhalb von zwei Jahren. Und dass Theo van Gogh vorerst der letzte ist, darauf wagt kaum noch jemand zu vertrauen.Inzwischen hat es bereits mehrere Anschläge auf moslemische Einrichtungen gegeben, unter anderem in Eindhoven. Eine islamische Organisation, die irgendwie Al Quaida nahe stehen soll, hat danach sogleich Vergeltungsmaßnahmen angedroht. Wie seriös diese Nachricht ist, war zunächst schwer zu beurteilen. Aber selbst wenn sich da nur moslemische Trittbrettfahrer wichtig gemacht haben sollten: Die Eskalation der Gewaltbereitschaft ist schon jetzt unübersehbar.Der ermordete Filmemacher, ein entfernter Nachfahre des Malers Vincent van Gogh, ist eine Woche nach der Tat beigesetzt worden. Am Tag davor hatte eine sehr eigenartige Trauerfeier stattgefunden, die von einigen Teilnehmern "bizarr" genannt wurde. Geprägt war sie von solidarischem Biertrinken und Gauloiserauchen, den "Theo" hatte beides geliebt, sowie von Bekleidungsvorschriften, die der ermordete Berufsprovokateur sich in seinem Testament erbeten hatte: die Damen sollten elegante Hosen und Mantelkleidern tragen, und obendrein Perlenketten, ganz im Stil höherer Töchter aus besseren Kreisen. Und obendrein gab es auf dem Fest an prominenter Stelle zwei ausgestopften Ziegen zu sehen, als unübersehbarer Verweis auf van Goghs liebstes Schimpfwort für die aus seiner Sicht unzivilisierten Einwanderer aus dem Morgenland. Bei denen sei es üblich, so hatte er gelegentlich öffentlich unterstellt, sich der Ziegen sodomitisch zu bedienen (dementsprechend verkündete auf der makabren Trauerparty ein Schild neben den viehischen Attrappen: "Für alle, die’s nötig haben")."Geitenneukers" hatte van Gogh die moslemischen Zuwanderer übrigens genannt, ein extrem vulgäres Schmähwort, das ausreichte, auch kreuzbrave, kulturell zu 100 Prozent integrierte moslemische Immigranten hellauf zu empören. Jetzt macht das Wort vor allem unter jungen nicht zugewanderten Holländern eine schnelle Karriere – als Kampfwort, das den Stolz treffen und die Selbstachtung zerstören soll. Türken und Marokkaner zu beschimpfen ist aus ihrer Sicht schließlich das Mindeste, was sie für den toten Theo jetzt tun können, egal, ob sie dessen filmisches Werk überhaupt gekannt oder seine aggressiven Kolumnen gegen Moslems, Juden und andere Andere je gelesen hatten. Die Angst vieler Holländer, der Krieg der Worte könnte der Anfang einer gefährlichen Eskalation sein, ist offenkundig berechtigt.