Arafat stirbt langsam. Das schafft ein günstiges Klima für Verschwörungstheorien in den palästinensischen Gebieten. „Wir schließen nicht aus, dass es sich um eine Vergiftung durch Israel handelt“, erklärte zuletzt der Generalsekretär der Autonomiebehörde, Tayyib Abdul Rachim. Ein Gerücht, das sich halten wird, auch wenn die Ärzte eine anderen Diagnose stellen sollten. Dafür könnten vor allem Palästinenser sorgen, die von Israel mit Wohlwollen betrachtet werden. Denn solche Beschuldigungen schaffen Distanz. Deshalb hat sie auch Mohammed Dahlan aufgegriffen, der ehemalige Sicherheitschef im Gazastreifen, den der Westen schon länger als künftige Führungsfigur aufbaut.

Israel weiß, dass eine zu enge Umarmung tödlich sein kann. Aus diesem Grund hält man sich mit Kommentaren über Nachfolger eher zurück. Es handle sich um eine interne palästinensische Angelegenheit, erklärte Oppositionschef Schimon Peres, der Jassir Arafat als „ein Symbol des palästinensischen Kampfes und der palästinensischen Tragödie“ bezeichnete. Aber es stellt sich dennoch die Frage, wie der neuen Führung – derzeit aus dem Duo Machmud Abbas und Achmed Kurei bestehend – geholfen werden kann, einen moderaten Kurs zu fahren, ohne dass sich diese den Vorwurf der Kollaboration einhandelt. Sollte sie einen echten Waffenstillstand in den palästinensischen Gebieten erreichen und Sicherheitsreformen durchführen, will Israel vertrauensbildende Maßnahmen einleiten, heißt es im Büro des Ministerpräsidenten. Konkret bedeutet das erst einmal: mehr Bewegungsfreiheit, weniger Schikanen im Alltag. Die Armee hat den Befehl erhalten, der palästinensischen Bevölkerung zu signalisieren, dass Israel kein Interesse habe, jemandem Schaden zuzufügen, der nicht in Terror involviert ist.

Würde Machmud Abbas Ministerpräsident werden, wäre das seine zweite Chance. Seine erste war vor einem Jahr nach nur wenigen Monaten vertan worden. Einmal, weil Arafat ihm nicht die nötige Macht zur Ausübung seines Amtes zugestand; zum anderen, weil Israel alles tat, um seine Autorität zu untergraben. Es hätte damals eine viel größere Zahl an palästinensischen Gefangenen als Geste des guten Willens freilassen müssen, außerdem hatten die fortgesetzten „gezielten Tötungen“ das allgemeine Klima noch weiter aufgeheizt. Jetzt sitzt Abbas erneut am Ruder. Und Israel könne wiedergutmachen, fordern gleich mehrere Kommentatoren, was es vor einem Jahr verpatzt habe.

Zu den vertrauensbildenden Maßnahmen Israels soll auch eine großzügige Einreisepolitik im Falle von Arafats Beerdigung gehören. Zwar darf der PLO-Chef nicht in Jerusalem bestattet werden, Arafat sei schließlich kein jüdischer König, empörte sich Justizminister Josef Lapid, doch bei einer Beisetzung im Gazastreifen beispielsweise würde jedem arabischen Staatsoberhaupt die Einreise erlaubt, auch denjenigen, die gar keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhalten. Der libysche Präsident, sollte er kommen wollen, würde dann via Ägypten durch einen „Luftkorridor“ einfliegen.

Andere Politiker sehen die Beerdigung Arafats als eine Chance der Versöhnung, die Israel nicht verpassen sollte. Ophir Pines von der israelischen Arbeitspartei etwa rief den Ministerpräsidenten dazu auf, eine Bestattung in Ostjerusalem zuzulassen – im Gegenzug für eine umfassende palästinensisches Zusage für eine „Hudna“, also einen Waffenstillstand, sowie den endgültigen Ausschluss Jerusalems von dem Terror- und Gewaltkreis.

Bisher jedoch sei noch niemand in dieser Frage bei den Israelis vorstellig geworden. Kein offizieller Palästinenser und auch keiner in ihrem Namen. „Wir intervenieren nicht“, heißt es dazu in Sharons Ministerpräsidentenbüro. „Wer weiß, vielleicht will ihn seine Frau in Paris bestatten. Wir versprechen, dass wir da nicht dagegen sein werden.“