Die Mauer zwischen Ost- und Westberlin war 28 Jahre lang sichtbares Symbol der Teilung von Deutschland. Am 15. Juni 1961 hatte Walter Ulbricht noch gesagt: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Doch noch im gleichen Jahr, in der Nacht vom 12. auf den 13. August, wurden die Grenzübergänge geschlossen und der "antifaschistische Schutzwall" errichtet. Im Herbst 1989 häuften sich die Protestkundgebungen der DDR-Bürger. Am Abend des 9. November schließlich überschlugen sich die Ereignisse. Das SED-Parteimitglied Günter Schabowski las während einer internationalen Pressekonferenz eher beiläufig von einem Zettel vor:

Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin (West) erfolgen.

Auf die Nachfrage, ab wann dieser Ministerratsbeschluss gelten werde, antwortete er zögernd: "Sofort, Unverzüglich". Es war 18.57. Um 23 Uhr hatten sich bereits über 20.000 Menschen am Ost-Berliner Grenzübergang Bornholmer Brücke versammelt, um 23.20 gingen die ersten Schlagbäume hoch. In West-Berlin wurden die Ausreisewilligen begeistert empfangen, Kneipen gaben Freibier aus. Der 9. November ragt unter den Ereignissen im Herbst 1989, die zur Wiedervereinigung Deutschlands führten, heraus. Im November 2004 erinnert man sich im Rückblick von 15 Jahren an die Euphorie der ersten Stunde. Drei Stimmen aus Leipzig:

Niemand hatte damit gerechnet

Am 9. November 1989 war ich krank, lag im Bett und habe natürlich die ganze Zeit Fernsehen geschaut. Was da passierte, war ja einfach unfassbar. Dass der große Umbruch kommen würde, war schon klar gewesen, aber nicht so schnell und in dieser Form. Am 4. November waren wir noch bei der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz gewesen, wo es um eine andere DDR ging. Der Status Quo mit den zwei großen Blöcken Ost und West schien für die Ewigkeit zementiert zu sein. Niemand hatte damit gerechnet, dass sie etwas wie am 9. November zulassen würden. Bis zu diesem Datum hatten viele - ich eingeschlossen - die Erwartung, dass es jetzt in der DDR alles anders wird. Es ging um einen besseren Sozialismus mit Annäherungen an den Westen, wie es vor Adenauers Ausspruch "Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb" gab. Doch in dem Moment, als die Mauer fiel, war klar: "Vergiss alles, was du dir gedacht hast", jetzt geht es ganz direkt auf eine Wiedervereinigung zu. Gerade jetzt, im Herbst 2004,  denke ich darüber besonders nach. Ich hätte nicht geträumt, dass es noch einmal ein einiges Deutschland geben wird, das ich noch erleben darf. Ich empfinde das auch nach 15 Jahren noch als ein riesengroßes Geschenk. Eher noch als den 3. Oktober halte ich den 9. November für einen wichtigen Tag für Deutschland. Jörg Mischke

In der Schule wurde geschwiegen

1989 war ich zwölf. Ich bin also noch nicht auf Demos gegangen, sondern habe mir die Ereignisse im Fernsehen angeschaut. Im westdeutschen Fernsehen. Als es da um die Ausreiseerlaubnis ging - das war bizarr, surreal. Was da geschah, war selbst für mich mit 12 gewaltig. In der Familie hatten wir vorher viel über Politik geredet. In der Schule wurde darüber geschwiegen, eine Lehrerin sagte: "Man sollte sich nicht von der bunten Tüte verlocken lassen", und ich dachte: "Die gehen bestimmt nicht wegen irgendwelcher bunten Tüten auf die Straße." Vor dem 9. November befanden wir uns in einer Situation des Abwartens, niemand wusste genau, was passieren würde. Ob es etwa so ausgehen würde wie in China, wo es bei einer Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu einem Massaker gekommen war. Die Klimax war der 9. November, von da an war eigentlich klar: Es kann nur noch gut werden. Mit der Öffnung der Mauer löste sich auch diese vorherige Spannung auf. Daran, dass ich jetzt überall hin fahren konnte, habe ich im ersten Moment nicht gedacht. Da war zunächst mal Erleichterung. Und natürlich auch Erstaunen: "Boa, das hättest du niemals für möglich gehalten." In der Schule merkte ich dann, dass ich sagen konnte, was ich dachte, ohne dass mir jemand drohte. Auch nach 15 Jahren sehe ich die Ereignisse des Herbstes '89 als eine großartige Wende in der Geschichte Deutschlands. Ich war live dabei, als ein System zusammenbrach. Das ist auch heute noch eine überwältigende Erinnerung. Marie Massloff