Die Nacht zum Freitag sternenklar, der neue Tag dann sonnenbeschienen. Der Held hatte in Brüssel sein Wetter. José Manuel Durão Barroso präsentierte am Donnerstagabend, sozusagen zum Hors d’œuvre der Staats- und Regierungschefs, seine neue Kommission. Applaus von den Chefs und auch den Europa-Abgeordneten, bis hin zur sozialistischen Fraktion. Wer in den vergangenen Wochen eine institutionelle Krise über die Europäische Union hereinbrechen sah wie nasskalte Herbststürme, muss sich die Augen reiben. Dieser Wind hat sich rasch gelegt, die Luft ist wieder klar.

Auf den umstrittenen katholischen Konservativen Rocco Buttiglione folgt jetzt sein italienischer Landsmann und bisherige Außenminister Franco Frattini. Statt der Lettin Ingrida Udre, daheim vom Vorwurf illegaler Parteifinanzierung belastet, zieht aus Riga Andris Piebalgs nach Brüssel (wo er, streng genommen, schon seit einiger Zeit arbeitet) und übernimmt in der EU-Kommission das Ressort Energie. Das wurde frei, weil die parlamentarischen Bedenken gegen den in der Sache ahnungslosen Ungarn László Kovács bei Barroso Eindruck gemacht haben, Kovács erhält darum jetzt den Bereich Steuern und Zölle zugewiesen, den Udre freimachen musste. Die Niederländerin Neelie Kroes, in Wirtschaftsfragen kompetent, aber mit der freien Wirtschaft durch ihren Werdegang eng liiert, bleibt hingegen im Ressort Wettbewerb, unter Kuratel des Kommissionschefs. Barroso hat also an drei wichtigen Stellen die geforderten Änderungen vorgenommen, das Gros seiner Kommission aber belassen, wie es ist. Mit den Änderungen kam er dem kritischen Parlament entgegen und sicherte sich die nötige Mehrheit für sein Kollegium. Und mit seiner Beharrlichkeit erwies er dem Rat der Regierungen den Gefallen, ihre Auswahl weithin zu akzeptieren, wodurch die Chefs das Gesicht wahren. Kurz, die institutionelle Balance ist wieder hergestellt, „nach einer Phase intensiver demokratischer Debatte“, wie sich am Ende selbst Barroso freute, nachdem er zuvor durch Ungeschick und Unwillen die Spannungen mit den Abgeordneten geschürt hatte.

Der Portugiese hat seine Lektion gelernt. Aber haben dies auch die Regierungschefs getan? Man wird sehen, ob sie in Zukunft genauer überlegen, wen aus ihrer nationalen Gefolgschaft sie für eine Hauptrolle auf europäischer Bühne küren. Italiens Premierminister Silvio Berlusconi hat schließlich genau gewusst, welcher Empfang dem Papst-Berater Buttiglione im ganz und gar weltlichen Europa-Parlament zuteil würde. Berlusconi hat den Waffengang gesucht und verloren.

Der Vorgang lehrt: Die Zeiten sind vorbei, da die Granden in den Hauptstädten mit der Straßburger Kammer nach Belieben umspringen konnten. Darum sollten alle europäischen Institutionen jetzt in Ruhe noch einmal über den Sinn oder eher den Unsinn eines Auswahl- und Besetzungsverfahrens nachdenken, das dem designierten Kommissionspräsidenten die Hände bindet und den Abgeordneten nur die Wahl lässt, eine ganze Kommission in Bausch und Bogen abzulehnen oder widerwillig zu schlucken. Barroso gewann seine Bewegungsfreiheit erst nach einer Kraftprobe mit dem Parlament, aber eben auch mit einigen Regierungschefs zurück. Zum Regelfall darf solches Rempeln und Raufen bei der Besetzung der EU-Kommission nicht werden.