Natürlich ist die farbige Wahlkarte eine Vergröberung. Wer eine Lupe nimmt, erkennt innerhalb der meisten Bundesstaaten rote wie blaue Sektoren, meist übereinstimmend mit Stadt und Land. Wo eine Balance entsteht, werden die Staaten zu Schlachtfeldern, battleground states genannt. Dort ist die Entscheidung gefallen. Beispiel Pennsylvania: Eigentlich ein blauer Kernstaat mit den Metropolen Pittsburgh im Westen und Philadelphia im Osten, tut sich dazwischen eine gewaltige Fläche platten Landes auf. Wenige Stimmen entscheiden am Ende. Hier gewinnt am Ende Kerry. Beispiel Florida: Eigentlich ein roter Südstaat, doch verändern Migration und Urbanisierung die Zusammensetzung der Bevölkerung und machen ihn langsam zum blauen Küstenstaat. Hier gewinnt am Ende Bush.

Die Wahl hat gezeigt, dass die Zahl solcher Staaten klein ist. Rundherum entsteht eine "Patchwork-Nation", wie Jim Gimpel schreibt, Politologe an der University of Maryland. Nach seiner Beobachtung weichen heterogene Gemeinden gleich denkenden Eilanden. Die Zeitung Austin American-Statesman hat jüngst Fotofinish-Wahlen der Vergangenheit vergleichen lassen. Danach wohnten im Jahre 2000 doppelt so viele Wähler wie 1976 in Wahlkreisen, in denen der eine Kandidat den anderen entscheidend schlug. Das bedeutet: Die Amerikaner suchen – Familie für Familie – die politische Segregation.

Die Apartheid der Lebensverhältnisse erzeugt Vorurteile. Für viele Bewohner von Los Angeles oder New York liegen dazwischen sechs Stunden Überflugszone. Und am Boden vermuten sie Kreaturen, die zu dick sind und zu enge Hosen tragen, die mit Knarren und Gebetbüchern fuchteln, die rassistisch oder homophob oder ultranationalistisch sind. Umgekehrt sehen die Bewohner des Kernlandes sich selbst als arglos und rechtschaffen, als bescheiden und bodenständig, wertetreu und heimatverbunden: uramerikanisch eben. Die Bewohner des blauen Amerikas erscheinen ihnen elitär, materialistisch und wertevergessen. Sie laufen jeder Mode nach, glauben heute dies, morgen das und sind deshalb empfänglich für Verirrungen wie Homo-Ehe, Abtreibung oder Drogenkonsum. Sie beten die Gewaltwelt von Hollywood an statt den Herrgott. Ein antieuropäischer Unterton schwingt auch mit, denn das blaue Amerika importiert nach dieser Interpretation neben Käse und Autos auch Kultursnobismus und Werterelativismus vom Alten Kontinent. Das alles beweist dem roten Kernland nur, dass der Linksliberalismus der blauen Staaten ganz unamerikanisch ist.

Beide Wahlkampfteams haben sich dieser grotesken Überzeichnungen nach Herzenslust bedient, um die Ressentiments der eigenen Basis zu schüren. Der Cartoon des Bush-Teams sah Kerry als reichen Snob aus Massachusetts, dem Staat der linken Eliten und der Libertinage. Seine Politik weise ihn als unzuverlässigen Gesellen aus, als "Franzosen", der anderen Nationen Mitsprache über amerikanische Entscheidungen einräume. Der Kandidat habe, wie Bush kurz vor der Wahl sagte, "wenige Kernüberzeugungen", und die "ändern sich wie das Wetter". Kurzum: Ein typischer Wendehals von der blauen Küste.

Die Karikatur aus der Produktion des Kerry-Teams zeichnete Bush als geistig minderbemittelten Cowboy. Während eines Wahlkampfauftritts machte Kerry sich absichtlich stotternd über Bushs volkstümelnde Gemeinplätze lustig. Bush erscheint als Frömmler, der im Weißen Haus seine Weisungen vom lieben Gott annimmt. Zudem sei er zu rechthaberisch, um Fehler zu korrigieren. Kurzum: Ein typischer Holzkopf aus der roten Steppe.

George Bush geriet seine Biographie zum Vorteil. Zwar stammen beide, Präsident wie gescheiterter Herausforderer, aus dem Nordosten und aus reichem Hause, sie besuchten dieselben edlen Schulen und Universitäten. Aber danach machte sich George Bush auf den Weg seines Landes. Während sich das Machtzentrum aus dem Nordosten in den Süden und Westen verlagerte, zog er mit. Weil er in Texas zu Gott fand und abließ vom Alkohol, wird sein Selbstfindungsprozess zur machtvollen Parabel für die Erlösung Amerikas: Bush hat sich im gesunden Kernland aus dem Jungbrunnen ewiger Werte bedient und die Krankheiten der Ostküste hinter sich gelassen. Damit fußt Bushs Stärke geradezu auf der Spaltung des Landes. Durch seine Amtsführung, schreibt der Kolumnist E. J. Dionne, habe er "die Spannungen zwischen traditionellem und modernistischem Amerika sogar weiter verschärft".

Das amerikanische Schisma ist Ausdruck des "großen Rückschlags", wie Thomas Frank in seiner Studie What’s the Matter with Kansas? schreibt. Die Konservativen geben sich als Widerstandsbewegung gegen die gesellschaftlichen Liberalisierungen seit der Bürgerrechtsära. Sie überzeugen ihre Wähler davon, dass es im politischen Prozess nicht mehr um ökonomische Interessenwahrung geht, sondern um die Verteidigung traditioneller Werte. Der Wahlabend ist ein eindrucksvoller Beleg. Die blau-rote Karte deutet kaum auf ökonomische Bruchlinien, sondern auf den Wertekonflikt. Iowa und Wisconsin galten einst als Hochburgen der Demokraten, weil dort der ökonomische Populismus eine linke Bauernschaft schuf. Aber die Gegenrevolution treibt die Bauern neuerdings der Rechten zu. Jetzt sind beide Staaten für beide Seiten zu haben.