Endlich konnte der russische Präsident Wladimir Putin einen "wichtigen Erfolg im Kampf gegen den internationalen Terrorismus" verkünden – allerdings nicht im brenzligen Nordkaukasus, wo tschetschenische Kämpfer, islamistische Terroristen und russische Sicherheitsdienstler abwechselnd zündeln. Ausgerechnet das Volk des einst verhassten Feindeslandes Amerika habe sich "von den Terroristen nicht einschüchtern lassen" und George W. Bush wiedergewählt, verkündete Putin freudig. Seinen Liebesgrüßen aus Moskau fügte er noch Glückwünsche und Lobpreisungen hinzu: Bush sei ein "starker und konsequenter Politiker und ein verlässlicher Partner".Das Kalkül der politischen Elite in Russland ist einfach: Wenn man um die dominierende Weltmacht USA schon nicht herumkommt, so sollte zumindest der Ärger verringert werden. Bush werde für den amerikanisch-russischen Schulterschluss an der Terrorismusfront seinen Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien und das Demokratiedefizit in Moskau wie bisher eher geizig abwiegen, hofft der Ratgeberkreis um Putin. Der amerikanische Präsident steht für die Fortdauer der persönlichen Harmonie. Bereits nach seinem ersten Stelldichein mit dem russischen Kollegen hatte er einen tiefen und wohl erfreulichen Blick durch Putins blaue Augen "in seine Seele" geworfen. Seither herzen die beiden einander, und vergessen ist Bushs frühere Kritik an Clintons Verbrüderungsbeziehung mit Boris Jelzin. Solchen "Boris-Bill-Kram", hatte er einst verkündet, werde es mit ihm nicht geben.In Moskau gedeiht zudem seit Jimmy Carters Zeiten die Weisheit, dass es sich mit den pragmatischen Republikanern grundsätzlich besser leben lasse als mit den Demokraten, die über allem Moralisieren schon mal die realpolitischen Interessen Amerikas vernachlässigten. Auch haben viele noch nicht vergessen, wie arg sich Bill Clintons Mannschaft in den neunziger Jahren in Russlands Innenpolitik einmischte und dabei, aus russischer Sicht, den Wildwuchs der Korruption und die Rubelkrise im Sommer 1998 förderte.Um John Kerry als Präsidenten zu verhindern, betätigte sich Putin sogar als Bush-Wahlkämpfer – manchmal allerdings etwas unbeholfen. Während seine Warnung vor wenigen Tagen, eine Niederlage Bushs käme einem Sieg des internationalen Terrorismus gleich, noch verständlich war, hatte eine andere Bemerkung Putins in Washington eher Rätselraten ausgelöst. Der russische Präsident trumpfte damit auf, er habe vor Zeiten den Amerikanern Hinweise übermittelt, dass Saddam Hussein Attentate gegen die USA plante. Auf der Suche nach diesen Hinweisen wurde Washington nie recht fündig. Zugleich widerlegte Putins Äußerung im Dienst der Freundschaft seine eigene frühere Argumentation gegen den Irak-Krieg.Das staatstreue russische Fernsehen berichtete seinerseits wählerisch über den US-Wahlkampf. So wurde die Kritik beider Kandidaten an Putins jüngsten innenpolitischen Reformen verschwiegen. Bei Meinungsumfragen sprach sich die Mehrheit der Bevölkerung für Kerry aus. Allerdings gab mehr als ein Drittel der Befragten zugleich an, vom amerikanischen Herausforderer keine Vorstellung zu haben. Das mag auch umgekehrt gelten, nannte Kerry doch einmal den Platz vor dem ehemaligen KGB-Hauptsitz in Moskau "Treblinka". Er heißt Lubjanka.