Jassir Arafat verbringt seine letzten Stunden bewusstlos im Westen, in Paris. Zur selben Zeit holt George W. Bush nach seinem triumphalen Wahlsieg zum Schlag aus gegen irakische Aufständische und Terroristen in der Feste Falludscha. Sein Außenminister verspricht eine "kämpferische" Außenpolitik im "nationalen Interesse", während Arafat im Sterben liegt.

Purer Zufall, würde ein Europäer oder Amerikaner sagen. Eine bezeichnende Koinzidenz, entgegnen viele Araber. Palästina und Irak - das sind für sie zwei Abschnitte derselben Front gegen westliche Angreifer.

Ist also Falludscha das Mittelost-Muster der Zukunft? Enthauptungen und Attentate gegen Amerikaner und verbündete Araber? Als Antwort darauf Präzisionsbomben und Häuserkampf? Am Ende ein wie immer nur vorläufiger Sieg der USA plus irakischer Wahlen hinter Sandsäcken - und falls nicht, dann Rückzug der US-Truppen und Zerfall des Iraks? Diese Unglücksspirale ist nicht unabwendbar. Arafats Ende und die zweite Amtszeit von George Bush bieten auch eine Chance. Allerdings nur, wenn über drei Dinge Klarheit besteht. 1. Die Macht der scheinbar allgewaltigen Amerikaner ist begrenzt. 2. Die Europäer haben mehr Einfluss, als sie denken. 3. Palästina und Irak sind isoliert nicht zu befrieden.

Die Amerikaner: George W. Bush hat die Rolle seines Landes in der Region völlig neu definiert. Mögen die USA bis 2000 auch Despoten gestützt (Ägypten) und Tyrannen bombardiert haben (Libyen) - sie waren Vermittler, wenn es in Palästina drauf ankam. Mit Bush, dem Jüngeren, sind die Vereinigten Staaten die hochgerüstete Vormacht in Nahmittelost geworden, die vom Irak aus Syrer, Saudis und Iraner zugleich in Sichtweite hat. Damit haben die Amerikaner eine Bürde übernommen, an welcher sich das britische Imperium verhob.

Am Standort Irak lässt sich leichter Krieg führen, aber schlechter makeln. Bush hat jedoch auch kein Interesse gezeigt, Israelis und Palästinenser zu versöhnen, er hat nur Ariel Scharons Politik applaudiert. Die arabischen Sender haben diese Nachricht in jede Lehmhütte mit Satellitenschüssel getragen.

Amerika zieht deshalb beispiellosen Hass auf sich. Nichts Neues seit dem 11. September? Irrtum. Beunruhigend ist, dass nicht nur wurzellose Terroristen Amerika verabscheuen. Es sind konservative, auf Stabilität bedachte Araber, die Amerika hassen lernen. Jene also, die befreit, beschützt, demokratisiert werden sollen. Wer kann da helfen?

Die Europäer: Es wäre verstiegen, der Bundesregierung eine Irak-Strategie zu unterstellen. Die deutsche Irak-Politik gedieh spontan auf dem sommerheißen Pflaster deutscher Marktplätze und wurde unversehens zur Regieanweisung für die Weltbühne: Raushalten! Dafür muss man sich heute anhören, man sei im Irak ja nur "Zuschauer". Der irakische Premier Ijad Allawi, der dies sagt, hat Recht. Aber ist das so schlimm? Nichts könnte derzeit falscher sein, als unter dem Tarnnetz der Nato oder als williger Koalitionär in den Irak einzufallen. Ausbilder ja, Kämpfer nein. Sonst würden Deutsche und Franzosen jenes Pfund verspielen, über das sie und mit ihnen die EU im Gegensatz zu Amerika verfügen - ein Restvertrauen der arabischen Welt in den "anderen" Westen.