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Die Spenden strömen: Die Restaurierung der Anna Amalia Bibliothek in Weimar wird zügig angepackt. Etliche tausend Bände allerdings sind wohl verloren. Zu diesen Verlusten gehört nicht nur manche Kostbarkeit aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert, sondern auch eine Bücher- und Schriftensammlung ganz besonderer Art: die Bibliothek des Schriftstellers und völkischen Literaturpapstes Adolf Bartels. Einzig der Süddeutschen Zeitung war dieser Verlust bisher eine halbe Zeile wert, obwohl die Website "Hilfe für Anna Amalia" auf Bartels wenigstens kurz hinweist. Im Mittelpunkt der ausführlichen Berichte über die "Kulturkatastrophe von Weimar" steht natürlich der Schaden am klassischen, humanistischen Vermächtnis der Stadt für Deutschland und die Welt, steht die Klage um die unwiederbringlich verlorene Aura eines geistigen Kleinods aus der Zeit der deutschen Klassik. Adolf Hitler 1931 vor dem Denkmal für Goethe und Schiller in Weimar

Gewiss, der Verlust ist groß. Aber es fällt doch auf, dass die Schadensbeschreibung einem offenbar tief verinnerlichten Muster folgt, das eher dem Mythos Weimar als der tatsächlichen Geschichte dieser Stadt verpflichtet ist. Nimmt man diese Geschichte (insbesondere die des späten 19. und des 20. Jahrhunderts) ernst, dann lässt sich der Verlust von Bartels’ Bibliothek und Nachlass nicht mit einem Nebensatz abtun, und zwar gerade deshalb nicht, weil beide kein Zeugnis für das "Schöne und Gute" sind. Nicht Weimars "ewiger Ruhm" (Thomas Mann im Goethe-Jahr 1949) spiegelt sich in Bartels’ Hinterlassenschaften, sondern Weimars und Deutschlands selbst gewählter Weg in völkische Überheblichkeit, Ultranationalismus, Rassenwahn und schließlich in das "Dritte Reich". Denn Adolf Bartels, der sich 1895 in Weimar niedergelassen hatte und dort kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges am 7. März 1945 verstarb, war eine Schlüsselfigur der völkischen Bewegung und bereits vor Beginn des Ersten Weltkrieges ein Vorkämpfer des entschiedenen Rassenantisemitismus. Nach 1918 wurde er zu einer Verbindungsgestalt zwischen der überkommenen völkischen Bewegung der wilhelminischen Ära und dem entstehenden Nationalsozialismus.

In Weimar selbst gehörte der in Deutschland viel gelesene, 1905 von Großherzog Wilhelm Ernst mit dem Professorentitel ausgezeichnete Bartels zu den Leitfiguren des konservativen Bürgertums, und nicht zuletzt dank seines eifrigen Wirkens wurden die Stadt und das Land Thüringen lange vor 1933 zu Kristallisationspunkten eines Netzwerkes völkisch-antisemitischer, schließlich nationalsozialistischer Gesinnungsgenossen. Der Verlust seiner Bibliothek, von der nicht einmal ein Verzeichnis existiert, wäre also wohl der Rede wert. Auch aus heutiger Perspektive. Die neurechten Parolen von deutscher Identität und Schicksalsgemeinschaft, die entsprechenden Versuche, Geschichtsbilder zu verordnen und Erinnerung zu stiften, Kultur zu homogenisieren sowie Eigenes messerscharf und total von Fremdem zu unterscheiden, das Aufleben urgründig verschwiemelten Raunens und die neuerlichen Erfolge rechtsextremer Parteien böten Anlass genug, Bartels’ Hinterlassenschaft ernst zu nehmen und ihren Verlust wenigstens als Verlust zu registrieren.

Wer also war dieser Adolf Bartels? Lassen wir zunächst einen seiner treuesten Schüler sprechen, den Reichsdramaturgen im Reichspropagandaministerium Rainer Schlösser. Schlösser hatte (wie Hans Severus Ziegler, 1920 Mitgründer des Bartels-Bundes, Mentor Baldur von Schirachs, Anreger der Ausstellung Entartete Musik sowie Reichskultursenator) bereits Anfang der zwanziger Jahre den Weg zu Bartels nach Weimar gefunden. 1943 resümiert er dessen Bedeutung für den eigenen Werdegang und den Nationalsozialismus. Wie viele seiner Generation angeekelt von der Demokratie und im Geist schon die Niederlage von 1918 revidierend, hatte ihn an Bartels das "Feldgrau des Geistes" fasziniert. Von ihm hat er gelernt, dass (Literatur-)Kritik "von Natur national" ist und "die ästhetischen Maßstäbe, die der Kritiker anlegt, aus seinem Volkstum erwachsen". Kurz: "Herrschaft des reinen Blutes, politische Macht, nationales Glück und nationaler Stolz, hohe Kunst sind Werte, die einander entsprechen."

Hitlers "Mein Kampf" stellt er neben Bismarcks Erinnerungen

Adolf Bartels, 1862 in Wesselburen in Dithmarschen geboren, hatte nach seinem geisteswissenschaftlichen Studium in Leipzig und Berlin nie einen Abschluss erlangt und früh schon als Schriftsteller sein Glück versucht. Zunächst dem Naturalismus nahe, dann Kritiker der einflussreichen Zeitschrift Kunstwart und später als Lyriker, Dramatiker und Romancier der Heimatkunstbewegung verpflichtet, wandte er sich ebenfalls der Literaturgeschichte zu. Zu Bartels’ besonderen Leistungen zählt sein Jünger Schlösser denn auch, dass dieser auf dem Gebiet der "Literaturbetrachtung das nationalsozialistische Prinzip vorweg genommen" hat. Bartels, so setzt Schlösser die Laudatio im Vorwort zu seinem Buch Deutsche Dichter fort, habe – eine "kopernikanische Tat" – "unerbittlich und unermüdlich die reinliche Scheidung zwischen deutschem und jüdischem Schrifttum" verfolgt.

Visionär und "sittlich berechtigt" sei auch Bartels Versuch gewesen, mittels der im August 1914 erschienenen Denkschrift Der Siegespreis in führerloser Zeit die "deutschen Herzen" nicht zuletzt dadurch "hochzureißen", dass er die deutsche Ausdehnung nach Osten gefordert und empfohlen habe wie auch, die Polen und Ostjuden aus diesem Raum zu evakuieren. "Wir müßten", heißt es bei Bartels, "das ganze westliche Rußland für uns nehmen. […] Wir brauchen Boden, wir brauchen eine schwere Kolonisationsaufgabe, um wieder zu gesunden. Es wäre gut, wenn sich unter Deutschlands Vorherrschaft ein großer mitteleuropäischer Staatenbund bilden könnte, der seine Vorposten an Düna und Dnjepr und am Schwarzen Meer hätte."

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Hoch rechnet Schlösser Bartels zudem an, dass dieser 1927 in seiner Rezension von Hitlers Mein Kampf zu dem Schluss gekommen ist, es handele sich um "die bedeutendste politische Veröffentlichung seit Bismarcks Gedanken und Erinnerungen" .

Besonderen Dank aber empfindet Schlösser dafür, von Bartels die Kunst erlernt zu haben, Juden zu entlarven. So habe der Professor zu einer Zeit, 1924, da ihm, anders als im NS-Staat, noch keine amtliche Hilfe zur Verfügung stand, in seiner dreibändigen Deutschen Literaturgeschichte 9.000 Autoren beinahe ohne Irrtümer reinlich in Juden und Nichtjuden geschieden. Und dies, obwohl nicht nur jüdische, sondern auch deutsche Autoren erbitterten Widerstand gegen sein Ausforschungsbegehren geleistet hätten. Aus der Not habe Bartels sogar eine Tugend gemacht, insofern er Mittel und Wege fand, den rassischen Hintergrund der Autoren oftmals allein aus deren Werk zu erschließen. Dadurch waren er und seine Schüler – wie Schlösser eigens hervorhebt – gezwungen, "Scharfsinn und Instinkt zu entfalten, um auf die angedeutete Weise jüdischen Täuschungsmanövern gegenüber zu einer fast unterbewußten Sicherheit zu gelangen".

Ganz im Geist seiner Zeit offenbart Schlösser hier, worauf Bartels’ lebenslange Anstrengung gezielt hat: die Entwicklung einer Hermeneutik, die nicht der Auslegung der Literatur dient, sondern der Identifizierung rassischer Feinde und Kulturverderber. Nürnberger Gesetze und amtliche Judenregister, so könnte man mit Schlösser folgern, sind gleichsam die auf die Wirklichkeit angewendeten Vergegenständlichungen dieser Deutungsbemühung.

Thomas und Heinrich Mann – um nur ein Beispiel zu nennen – bekamen Bartels’ speziellen "Scharfsinn" bereits früh zu spüren. In seiner Geschichte der deutschen Literatur heißt es 1905 lapidar: "Juden sind wohl auch die Gebrüder Mann aus Lübeck." Dass Thomas Mann gegenüber Bartels eine jüdische Abstammung bestritten hatte, konnte diesen nicht beirren. In seiner Zeitschrift Deutsches Schrifttum begründet er seine Diagnose 1910 apodiktisch so: "Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß mein Urteil über den Schriftsteller Thomas Mann, der in seinen Buddenbroocks [sic!] die halbjüdischen Hageströms über die deutschen Kaufmannsfamilien siegen läßt […], durch sein Juden- oder Nicht-Judentum nicht beeinflußt wird. Literarisch gehört er auf alle Fälle zu den Juden."

Die Auseinandersetzung mit Thomas Mann macht nicht nur deutlich, wie Bartels arbeitete. Sie zeigt auch, dass er ein Meister populistischer Provokation und Skandalisierung war, der seinen Opfern kein Entkommen ließ. Wehrten sie sich gegen seine "Judenriecherei", wie Kurt Tucholsky es einmal nannte, dann bewiesen sie nur, wie recht er hatte.

Immer wieder bemühte er sich, sein Erkenntnisinteresse und seine Methode wissenschaftlich zu verbrämen. In Bartels’ Sicht begründet die von ihm praktizierte Literaturwissenschaft die Rassentheorie und umgekehrt die Rassentheorie seine Art der Literaturwissenschaft und Textdeutung. Eines Geistes fühlt er sich insbesondere mit Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und Wolfgang Menzel, deren große Bedeutung für ein rassisch begründetes Deutschtum nicht zuletzt dadurch belegt werde, "daß alle drei von Heinrich Heine geschmäht und beschimpft worden sind". Arndts Satz "Je reiner ein Volk, je besser, je vermischter, je bandenmäßiger" ist ihm wegweisend und wird für ihn durch die späteren Schriften Gobineaus und Houston Stewart Chamberlains konkretisiert.

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Volk und Nation, so folgert Bartels mit dem Philosophen Bruno Bauch, schließen "die leiblich-seelische Ursprungsgemeinschaft der Mitgeborenen" in sich ein, sodass "es ein Volk ohne einen bestimmten Rassencharakter überhaupt nicht gibt, daß die geistig-seelische Tendenz in der Rasse das Vorherrschende ist und daß in einem Volk die Tendenz einer Rasse bestimmend bleiben muß, wenn sein ›organisches Massiv‹ […] erhalten bleiben soll." Auf diese Weise wird Literaturwissenschaft nicht allein als rassenkundliche Ausforschung der angeblichen Grundkonstitution einer Ethnie, einer Nation beziehungsweise eines Volkes legitimiert, sondern Bartels will auch das deutsche Rassengefühl neu erwecken, erst recht nach Ende des Ersten Weltkrieges, "wo die Revolution die ›internationalen Elemente‹ zur Herrschaft gebracht hat". Schlussendlich werden die Deutschen, so ist Bartels überzeugt, durch einen allseitig durchdachten und angewandten Rassenbegriff "eine neue Weltanschauung erhalten und durch diese eines Tages alle unsere Feinde, vor allem das Judentum, besiegen […] Qui vivra, verra."

Der gute, gebildete Deutsche muss Antisemit werden

Bartels’ völkische Radikalisierung fällt in die Zeit der zweiten Welle des deutschen Antisemitismus nach 1870/71. Die erste Welle war im September 1879 vom Berliner Hofprediger Adolf Stoecker ausgelöst und durch Heinrich von Treitschkes judenfeindlichen Aufsatz in den Preußischen Jahrbüchern zum "Berliner Antisemitismusstreit" eskaliert. Die zweite Welle nun fällt mit dem Erstarken des radikalen, imperialistisch orientierten deutschen Nationalismus zusammen. Auch wenn die 1879 gegründete Antisemiten-Liga, der erste rein antisemitische Verein, bereits elf Jahre existierte, war die Gründung des Alldeutschen Verbandes 1890/91 ein Schlüsselereignis. Das immer aggressiver werdende Eintreten für "reines Deutschtum", gegen "undeutsche Tendenzen" und "fremdvölkische Minderheiten" gab der antisemitischen Bewegung Auftrieb und neue Schärfe. Ein bedeutender Kristallisationspunkt und Verstärker wurde der 1894 von Friedrich Lange – zuvor einer der führenden Ideologen der Gesellschaft für deutsche Kolonisation – gegründete Deutschbund. Er propagierte die Auffassung, dass den Juden als verstreut und parasitär lebendem Volk echtes Volkstum – und damit die selbst einer feindlichen Rasse gebührende Achtung – nicht zugesprochen werden könne. Eine Auffassung, die auch ihre praktische Seite hatte, insofern sie sich mit der Forderung nach einem "judenfreien Deutschland" verband. So verlangte der Bund schon 1914 Adressbücher deutscher Geschäfte für jede Gemeinde, dazu die Einrichtung einer deutsch-völkischen Hauptstelle, die Material zur Rassenforschung sammeln und Verzeichnisse von "Fremdstämmigen" und "Mischlingen" anlegen sollte.

Allerdings ist zu bezweifeln, dass der Antisemitismus hierzulande jene uns bekannte Wirkung entfaltet hätte, wäre es nicht gelungen, ihn in umfassendere deutsch-völkische Ideologeme einzuschmelzen. Die Zersplitterung sowohl der völkischen Bewegung nach 1900 wie auch der Niedergang des reinen Partei-Antisemitismus weisen darauf hin. Erst der aus angeblich zwingenden sachlichen Gründen in die deutsch-völkische Gesinnung eingelagerte Antisemitismus hat sich in den national gestimmten Teilen des wilhelminischen Bürgertums durchgesetzt und konnte zum Nährboden nationalsozialistischer Radikalisierung werden.

Nimmt man dies ernst, dann erhellt sich Bartels’ Bedeutung für die Durchsetzung des Antisemitismus schlaglichtartig. Seine Literaturwissenschaft, die einerseits die "Erkenntnis des völkischen Schatzes" befördern und zugleich seine Verderber identifizieren und als Gegenrasse ausgrenzen will, hat wesentlichen Anteil daran gehabt, Antisemitismus "aus guten Gründen" zum verbindlichen Teil nationaler Haltung werden zu lassen. Antisemitismus mit Bartels, das war keine Sache für knüppelschwingende Fanatiker, sondern eine wissenschaftlich begründete kulturelle Notwendigkeit für belesene, vaterlandsliebende Patrioten. Die Weimarer Botschaft lautete: "Wer in unserer Zeit nicht Antisemit ist, der ist auch kein guter Deutscher."

Bartels kämpft gegen das Heine-Denkmal in Hamburg

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Bartels selbst hat bis ins hohe Alter alles getan, um diese Notwendigkeit immer neu zu begründen und zu popularisieren. Er propagiert "Heimat, Stammestum, Volkstum und Rasse" als Grundlagen der Kultur und Nation. Er wendet sich gegen alle staatlichen Formen, die – als "reine Verstandeskonstruktionen" – nicht organisch aus dem Volk erwachsen. 1906 gewinnt er schlagartig an Popularität durch seinen Kampf gegen das in Hamburg geplante Heinrich-Heine-Denkmal, für ihn "ein Kotau vor den Juden".

1907 wird er Mitglied des Deutschbundes, 1910 ist er Mitbegründer des Deutsch-völkischen Schriftstellerverbandes. 1913 gehört er zu den Organisatoren des Deutschen Tages in Eisenach, dessen Ziel es ist, die völkischen Kräfte zusammenzufassen. Er wird einer der Vorsitzenden der in seiner Folge entstehenden Deutsch-völkischen Vereinigung. Er gehört zum Judenausschuss des Alldeutschen Verbandes, der die Gründung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes betreibt. Er ist gern gesehener weltanschaulicher Berater zahlreicher Bünde, Organisationen und Parteien im völkischen Umfeld. Er setzt sich für die völkisch-antisemitische Bildung ein, will zu diesem Zweck "judenfreie" Theater und gründet die Weimarer Jugendfestspiele, die den Jugendlichen das Gefühl vermitteln sollen, "einer Kulturnation ersten Ranges" anzugehören. Auch will er den Glauben durch ein vom "Judenchristentum" der Kirche befreites "Deutschchristentum" nationalisieren. Die Titel seiner Schriften lassen es an Deutlichkeit nicht fehlen: Heine-Genossen. Zur Charakteristik der deutschen Presse und der deutschen Parteien (1907), Weshalb ich gegen die Juden kämpfe. Eine deutliche Auskunft (1919), Die Berechtigung des Antisemitismus (1921), Der Nationalsozialismus. Deutschlands Rettung (1924), Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft (1925) – um nur einige zu nennen.

Nach 1933 hat Bartels, selbst NSDAP-Mitglied seit 1925, keine bedeutende Rolle mehr gespielt. Vor allem wohl, weil seine "weiche", fehleranfällige Form der Judenidentifizierung durch eine härtere, amtliche ersetzt worden war. Auch hatte er sich in Hitlers Bedeutung geirrt. Dieser war zwar am Tag seiner ersten Rede in Weimar im März 1925 mit ihm zusammen gekommen, Bartels hatte den neuen Führer aber eher in Männern wie General Erich Ludendorff oder Ernst Graf zu Reventlow gesehen oder in dem Schriftsteller Artur Dinter (Die Sünde wider das Blut, 1918). So verbrachte er seine letzten Jahre zurückgezogen – eine Traditionsfigur, von seinen Schülern hoch verehrt, versehen mit einem Ehrensold und ausgezeichnet mit dem Adlerschild des deutschen Reiches und (seit seinem 80. Geburtstag) dem Goldenen Parteiabzeichnen.

Bartels’ Fall zeigt, dass es wenig hilft, vermeintlich skurrile politische Figuren wie ihn zu unterschätzen. Spott, von vielen gleichsam notwehrartig geübt, hat seine Wirkung nicht einschränken können. Auch hilft es nichts, das vermeintlich Brauchbare – seien es wissenschaftliche Ergebnisse oder Patriotismus – vom Unbrauchbaren, zum Beispiel seinem Antisemitismus, zu trennen. Oft ist auf Bartels in dieser Weise reagiert und er am Ende gestärkt worden. Vor allem aber ist es an der Zeit, den Blick in willentlich sich selbst beunruhigender Weise auf das ganze Weimar zu lenken. Erinnert sei nur an das Schicksal Harry Graf Kesslers, die Vertreibung des Bauhauses oder die Vorwegnahme nationalsozialistischer Kultur-, Bildungs- und Innenpolitik 1929/30. Nicht nur – aber auch – die Anna Amalia Bibliothek wäre für solche willentliche Selbstbeunruhigung in aufklärerischer Perspektive ein guter Ort. Das Kostbare an Weimar würde dadurch nicht verschattet, sondern doppelt kostbar jenseits aller kulturbewussten Hoffart oder Naivität.

Der Autor ist Direktor der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar und lehrt an der Universität Jena