Ramallah

Meine erste Erinnerung an Arafat ist recht merkwürdig und geht zurück auf meine frühe Kindheit. Mein Vater brachte damals in einer bestimmten heimlichtuerischen Weise, und doch für meine Ohren bestimmt, zum Ausdruck, dass er sich nichts dringlicher wünschte, als in die Dienste eines gewissen "Abu Ammar" zu treten, als Kämpfer oder als Wächter. Sogar den Besen wollte er für ihn in die Hand nehmen, nur um in seiner Nähe weilen zu dürfen.

Für einen kleinen Jungen mit ausgeprägter Fantasie (ich muss so um die fünf Jahre alt gewesen sein) war das unfassbar, geradezu paradox: Was mochte das für ein Mensch sein, für den der Vater, die oberste Autorität, eine niedere Tätigkeit wie das Ausfegen der Stube übernehmen würde? Dieses Paradox wurde später zur pädagogisch fest verankerten Grundlage meines Verhältnisses zu Arafat, es schützte ihn vor dem Dauerbeschuss unseres Bewusstseins durch Israel, das versuchte, dieses Symbol auszulöschen – ebenso vor dem Dauerbeschuss seitens arabischer Regierungen, die durch Arafat ständig in Verlegenheit kamen.

Frage eines Jungen: Was ist das für ein Mann, den der Vater so bewundert?

Meine nächste Erinnerung ist ein halb kaputtes grünes Radio. Ein Junge dreht an den Knöpfen. Er müht sich ab mit der Suche nach Arafat auf einem Sender, der immer wieder die Frequenz wechselt, um Störsendern zu entgehen. Aber der Wunsch, die Sendungen zu verfolgen, ist stärker. Der Junge hört die Fedajin beim Überschreiten der Grenze nach Israel ihre Lieder singen, er vernimmt Aufrufe, die unter Decknamen an Männer gerichtet sind, die sich in Höhlen und im Wald verstecken. Der Sender bringt Interviews mit Abu Ammar und Ausschnitte aus seinen Reden, in denen er unermüdlich die Namen Dutzender Städte, Dörfer und Lager aufzählt.

Die Eltern des Jungen machen sich Sorgen. Schon früh sprechen sie mit ihm über böse Soldaten, Gefängnisse und über Spione, die überall lauern. Womöglich "haben die Wände Ohren", lehren sie ihren Sohn, eine Redensart, die ihn mächtig beeindruckt. Wie das wohl zu verstehen ist?

Im weiteren Verlauf der Erinnerung ist der Junge schon größer. Die Anschaffung eines Fernsehers fällt zeitlich zusammen mit dem Einmarsch der Israelis in Beirut. Die Leichen verderben der Familie die Freude an dem neuen Wunderkasten. Nun sieht der Junge den Mann, von dem er schon so viel gehört hat, von dem es aber damals außer in verbotenen Zeitungen kaum Bilder gab. Da steht er inmitten der Kämpfer, die er in den Schützengräben besucht. In die Sphäre der Wahrnehmung dringt der Name Ariel Scharon – in Verbindung mit einem Massaker. Dieser Mann will den Mann vernichten, für den der Vater den Besen in die Hand genommen hätte.

Arafat verlässt Beirut. "Wohin?", fragt ein Journalist. "Nach Palästina!", gibt er zur Antwort.