Das hörte sich ganz gut an: Ein Feiertag weniger ist ein Tag mehr Arbeit ist ein höheres Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein Plus bei den Steuereinnahmen. Doch nachdem Finanzminister Hans Eichel mit seiner Idee gescheitert ist, den Nationalfeiertag auf einen Sonntag zu verlegen, nachdem auch Pfingstmontag und erster Mai nicht zur Disposition stehen, sind jetzt kürzerer Urlaub und 40-Stunden-Woche im Gespräch. Für 40 Stunden als Norm macht sich vor allem Michael Rogowski, der scheidende Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), stark. Beifall erhielt er von der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel, während CSU-Chef Edmund Stoiber lieber Urlaubstage opfern will. Nur: Zwei, drei Tage mehr Arbeit bedeuten zwar Einsparungen bei den Lohnkosten, nicht aber automatisch höheres Wachstum und mehr Steuereinnahmen. Und eine deutlich längere Arbeitszeit für alle ohne Lohnausgleich kann leicht zum Abbau von Arbeitsplätzen führen statt zu mehr Wachstum.

Die Bundesbank und das Statistische Bundesamt benutzen ein mathematisches Modell namens Census X123-ARIMA , um die Auswirkung von Kalendereffekten auf das Wachstum zu ermitteln. Beispielsweise für das laufende Jahr: Als Schaltjahr weist es einen zusätzlichen Arbeitstag auf; dazu kommen vier, in manchen Bundesländern sogar fünf Feiertage, die auf ein Wochenende fallen. Das entspricht also vier gestrichenen Urlaubstagen. Auf der Basis des Census-Modells errechnete der Sachverständigenrat einen zusätzlichen Wachstumseffekt von einem halben Prozentpunkt.

Gleichzeitig warnten die Fünf Weisen, solche Zahlen seien "mit Vorsicht zu interpretieren". Warum? Weil der Effekt einer relativ geringen Veränderung bei den Arbeitstagen von Wirtschaftsbereich zu Wirtschaftsbereich stark variiert. Betriebe mit kontinuierlicher Produktion wie Autofabriken profitieren am ehesten, wenn die Bänder länger laufen, die Lohnkosten aber nicht steigen. Überall aber, wo Monatsgehälter gezahlt werden, bleibt der Effekt gering – sofern er überhaupt messbar ist. So wird die "Produktion" der Beamten oder Büroangestellten kaum ansteigen, wenn sie ein paar Tage mehr am Schreibtisch sitzen.

Und die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich? Sie wäre nichts anderes als eine deutliche Senkung der Löhne und würde mithin eindeutig Kosten sparen. Der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer rechnet vor, dass bei einem Wechsel von 35 auf 40 Wochenstunden ohne Lohnausgleich der VW-Golf um gut vier Prozent (620 Euro) billiger produziert werden könnte. Das verbessert die Konkurrenzfähigkeit von Unternehmen, vergrößert möglicherweise ihre Gewinne und verschafft damit Hans Eichel mehr Steuereinnahmen.

Gleichzeitig blieben aber trotz Mehrarbeit die Einkommen unverändert, die Gefahr sinkender Konsumneigung wäre groß. Das größte Risiko: Längere Arbeitszeit macht in einigen Branchen eine konstante Produktion mit weniger Arbeitskräften möglich, Entlassungen und steigende Arbeitslosigkeit wären die Folge. Dann würde zwar das einzelne Unternehmen Kosten sparen, die Sozialkassen aber stärker belastet, weil mehr Arbeitslose Hilfe brauchen. Gewonnen wäre dann gesamtwirtschaftlich überhaupt nichts.

Über die Wochenarbeitszeit hat nicht die Regierung zu befinden

So sind sich denn auch die meisten Ökonomen einig: Eine Diskussion um längere Arbeitszeit ist nur dann sinnvoll, wenn sie unter der Prämisse größerer Flexibilität steht. Entscheidend ist die Möglichkeit, Arbeitszeiten nach dem Bedarf eines Unternehmens zu verlängern oder zu kürzen – ohne dass Überstundenzuschläge anfallen oder tarifvertragliche Grenzen verletzt werden. Unzählige Betriebe praktizieren heute bereits Modelle, die sich an der aktuellen Auftragslage ausrichten. Sie vereinbaren mit den Arbeitnehmern Zeitkonten, die sich lediglich im Verlauf des Jahres ausgleichen müssen. Die Logik hinter all dem: Wenn die Arbeit ohne Mehrkosten effizienter eingesetzt werden kann, wird sie preiswerter – und folglich können auch neue Jobs im Inland entstehen.