Postmodern, das war ein Schmähwort und ein Kampfbegriff. Viele verlachten das Geschichts- und Gefühlsgehampel, das pseudonaive Zitatenspiel, diesen Jux aus Nostalgie und Beliebigkeit. Und mussten doch mitansehen, wie die Postmodernen schon bald einen Auftrag nach dem anderen bekamen. Plötzlich war Architektur nur noch Mode und keine Utopie und kein Projekt mehr. Häuser sollten gefallen, sonst nichts. Und so sahen sie dann auch aus: mit historischem Zierrat überstreuselt, quietschbunt und gnadenlos gut gelaunt – das schönste Feindbild, das sich denken lässt.

Dass ausgerechnet diese Feinde des vornehmen Geschmacks und der Modernedogmen 1984 die Eröffnungsausstellung des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt am Main bestreiten durften, kommt einem noch heute wie ein Affront vor. Es war eine großartige Provokation, eingefädelt vom damaligen Direktor Heinrich Klotz, der nichts so sehr liebte wie Zuspitzung und scharfen Streit. Eine Debattenlust trieb ihn um, die dem DAM der Gegenwart völlig fehlt. Selbst die gerade eröffnete Jubiläumsschau vermeidet jede Kante, jede Ecke. Sie erinnert an Klotz und seine Postmoderne-Ausstellung, indem sie noch einmal die Säulenkulissen von Charles Moore zeigt und die neobarocke Üppigkeit eines Hans Hollein. Doch statt zu fragen, wie sich diese Baukastenträume im Alltag bewährten und warum sie so rasch altbacken waren, werden die Modelle von damals nur neben Häuser von heute gestellt. So sollen die Nebenwirkungen und Spätfolgen der Postmoderne aufscheinen. Zu sehen ist in den chaotisch komponierten Ausstellungskapiteln aber kaum mehr als ein beliebiges Gestern-heute-Potpourri – im schlechtesten Sinne postmodern.

Lernen lässt sich allenfalls, dass die Postmoderne weit mehr war als ein Stil. Es ging ihr darum, die von der Nachkriegsmoderne überfahrene Stadt neu zu entdecken. Sie wollte dem grauen Einerlei mit Vielfalt begegnen, wollte raus aus den Glaskästen der reinen Lehre. Eine widersprüchliche Welt, so der Appell, brauche unberechenbare Bauten. Heute sind viele Forderungen von damals eingelöst, auch das zeigt die Ausstellung. Längst ist der Nichtstandard standardisiert und Abwechselung Pflicht. Nur in manchen amerikanischen Vorstädten wird noch mächtig am uniformierten Glück gebaut, hier lebt er noch, der Einheitswahn der Moderne, wenn auch paradoxerweise im nostalgischen Kostüm des Neoklassizismus.

Ist das dieselbe Nostalgie, die in Potsdam, Braunschweig oder Berlin neue alte Schlösser wachsen lässt? Etwas ratlos steht der Besucher vor den Granitsäulen eines Hans Kollhoff und wundert sich, wie sie wohl gemeint sind. Postmodern unbekümmert wie bei Aldo Rossi? Oder als gebauter Geschichtsfanatismus, dem alles Spielerische fremd ist? Die Ausstellung enthält sich jeder Antwort und jeder Nachfrage. Nur beim Berliner Schloss zeigt sie demonstrativ vier Alternativen zur geplanten Rekonstruktion, um so für einen "zeitgenössischen Bau" zu plädieren. Was aber ist heute, in der Postpostmoderne, noch "zeitgenössisch"? Da schweigen die beiden Kuratoren Ingeborg Flagge und Romana Schneider. Sie diskutieren weder Inhalt noch Konzept eines möglichen Schlosses, sondern lassen nur die Entwürfe sprechen – so, als als künde allein die Fassade vom Zeitgemäßen, als sei es am Ende doch nur eine Frage des Stils.

Wäre diese Ausstellung postmodern in einem besseren Sinne, dann dürfte sie nicht nur Modelle, Zeichnungen, Fotos vorführen, sondern müsste hinter die Fassaden blicken: auf die Prozesse der Planung, auf die Wünsche der Bewohner, die Interessen der Bauherren. Und sie dürfte nicht nur das Wohlgefällige auffahren, sondern müsste sich kritisch im Sinne der Postmoderne zeigen und den Machbarkeitswahn geißeln, der immer noch vieles beherrscht. In China etwa, wo derzeit viele Westarchitekten in die alten Muster zurückfallen und mit ungezügelter Bauwut eine seelen- und geschichtslose Stadt nach der anderen in die Landschaft stellen.

Am ärgerlichsten wird die Haltungslosigkeit der Ausstellung in ihrem obersten Geschoss, wo sie den Architekten Oswald Mathias Ungers ehrt, der das Museum vor 20 Jahren entwarf. Zwar hält die Museumsleiterin Flagge den Bau für gründlich misslungen, er sei für Ausstellungen gänzlich ungeeignet und könne nicht altern. Doch von dieser Kritik erfährt der Besucher keine Silbe, weder im Museum noch im Katalog. Dort darf sich Ungers selber rühmen, obwohl er von den positiven Lehren der Postmoderne nichts wissen will und mit geradezu stalinhaftem Ingrimm am Dogma des Überzeitlichen baut. Er träumt von einer "Architektur an sich", die "nicht für den Alltag" bestimmt sei. Die Menschen, ihre Geschichte, unsere Zeit – all das scheint nicht zu gelten.

Zum Glück ist die Ausstellung als Ganze nicht so selbstgerecht und selbstgefällig. Sie ist nur ängstlich und will es sich mit niemandem verscherzen: weder mit dem Publikum, noch mit Spendern und Architekten, deren Mithilfe das Museum braucht. Mit dem Etat ist der Mut des DAM geschwunden und mit dem Mut die Bedeutung.