Bühne frei für George W. Bush, den radikalen Wirtschaftsreformer. "Die Leute haben klar gemacht, was sie wollen", verkündete der Präsident am vergangenen Wochenende in Washington. Dazu gehöre auch seine Vision von der ownership society, die er seinem Wahlvolk in den vergangenen Wochen immer wieder unter die Nase gerieben hatte: die "Gesellschaft der Eigentümer". Gemeint ist eine Wirtschaftsordnung, in der alle Amerikaner bessere Chancen auf Haus- und Aktienbesitz haben, auf private Gesundheitsvorsorge und eine private Rentenversicherung. "Würde, Stolz und Zuversicht" könnten in seiner zweiten Amtszeit herrschen, so Bush.

Auf den ersten Blick ist das zwar eine schöne Vision. Das Problem daran ist aber Bushs Griff in den wirtschaftspolitischen Werkzeugkasten: Der Präsident will vor allem den Staat weiter zurückdrängen, indem er auf Steuereinnahmen verzichtet.

Erstes Beispiel: die Alterssicherung. "Wir starten jetzt mit der Rente", versprach der frisch bestätigte Präsident am vergangenen Donnerstag in Washington. Details seiner geplanten Reform stehen noch aus, doch junge Arbeitnehmer sollen künftig ein paar Prozent ihrer Rentenzahlungen aus den staatlichen Rentenkassen abzweigen dürfen. Das Geld wandert stattdessen in steuerbefreite Sonderkonten – als private Rücklage fürs Alter. Weitere Steuerhilfen sollen mehr Hausbesitzer schaffen, eine Fülle steuerbefreiter Sonderkonten soll langfristiges Sparen attraktiver machen. "Gesundheitssparkonten" (Health Savings Accounts) könnten künftig für einige Bürger die Krankenversicherung ersetzen. Mit diesen sollen Arztbesuche finanziert werden.

Steuersenkung als Ideologie. Schon in seiner ersten Amtszeit hatte Bush viele kräftige Steuersenkungen durch den Kongress gebracht, und die will er nun auf unbestimmte Zeit festschreiben. Steuerpuristen im Umfeld des Weißen Hauses träumten in den vergangenen Tagen gar schon von einer "fundamentalen" Steuerreform, etwa einer kompletten Abschaffung der bisherigen "progressiven" Einkommensteuer. Reiche Amerikaner zahlen unter dem alten System immer noch anteilig mehr Steuern als ärmere. Und das passt nicht ins neokonservative Wirtschaftsbild.

Wie weit solche Reformen auch gehen mögen: Bushs ownership society gründet auf tief verwurzelten Vorstellungen vom Amerikanischen Traum. Es geht um das Streben nach Besitz, das Ringen um wirtschaftliche Selbstständigkeit und das Pochen auf Eigenverantwortung. Sie spielt auf die Erfolge im Nachkriegsamerika an, als breite Mittelschichten tatsächlich zu Besitz kamen: zu Autos, Häusern, Pensionen, privater Gesundheitsvorsorge und Wertpapieren.

Wäre da nur nicht die extreme Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft. Seit mindestens zwei Jahrzehnten ist das Ansammeln von Besitz in den Vereinigten Staaten eine höchst polarisierte Erfahrung. Oberflächlich betrachtet ist die Eigentümernation gewachsen und gediehen: Gut zwei Drittel der Haushalte besitzen heute ihr Eigenheim, die Hälfte hat Aktien, und beides sind historische Rekorde. Doch beim genaueren Blick hält nur ein Drittel aller Haushalte mehr als 5000 Dollar an Aktien. Und ein besonders verbreiteter Grund für solchen Aktienbesitz ist es, dass der Arbeitgeber die feste Betriebspension gekündigt hat und sie durch private Fonds und Aktienpakete ersetzt hat. Etliche Haushalte in den unteren Mittelschichten wohnen heute zwar noch in ihrem Eigenheim, kämpfen aber mit erdrückenden Hypothekenschulden und einem Portemonnaie voller überzogener Kreditkarten. Unterm Strich verloren die ärmsten 40 Prozent der amerikanischen Haushalte zwischen 1983 und 1998 mehr als drei Viertel ihres Vermögens.

So bleibt das triviale, aber wesentliche Problem des Bushismus bestehen: Wer etwas besitzen will, braucht erst eimal ein ordentliches Einkommen, und kaum anderswo in der industrialisierten Welt sind die Einkommensunterschiede so groß wie in den Vereinigten Staaten. Die oberen 20 Prozent der Haushalte verdienten zuletzt die Hälfte aller Einkommen, Tendenz steigend. Zum Vergleich: In Deutschland verdient die gleiche Gruppe gut 36 Prozent. Bei den Vermögen der Amerikaner sieht es noch schlimmer aus: Im Schnitt sind seit 1983 nur die Vermögen der besser verdienenden Amerikaner nennenswert gewachsen – derjenigen mit Haushaltseinkommen ab 50000 Dollar pro Jahr nämlich.

Was nützen Bushs Steuererleichterungen einem Familienvater, der schon Probleme hat, ein Dach über dem Kopf zu finden? Der für wenig Lohn arbeitet und ohnehin schon wenig Steuern zahlt, der sich die kräftig steigenden Krankenversicherungsbeiträge nicht mehr leisten kann und bald auch nicht mehr die steigenden Schul- und Collegegebühren für seine Kinder? Er kann auch in George W. Bushs Eigentümergesellschaft keine ausreichende Eigenvorsorge betreiben, ihm wäre mit leistungsfähigeren öffentlichen Schulen, einer Arbeitslosenversicherung und einer Sozialwohnung viel besser geholfen. Kein Wunder, dass die oppositionellen Demokraten Bushs Idee für ein verkapptes Programm halten, wieder einmal nur den Reichen im Lande zu helfen.