Was tut eine Marktfrau, der die Ware alt zu werden droht? Sie verschenkt, was nicht mehr zu verkaufen ist. Ähnlich handelt Bayer, nur tut es der Leverkusener Chemieriese im großen Stil. Der Konzern muss modernisieren, muss margenschwache Chemikalien und Kunststoffe mitsamt Fabriken loswerden. Verkaufen? Schwierig. In Zeiten schwacher Konjunktur und hoher Ölpreise sind Chemiewerke wenig gefragt. Börsengang? Genauso schwer, auch die Aktienmärkte schwächeln. So hat sich Bayer eine andere Lösung ausgedacht und aus alldem ein neues Unternehmen gemacht. Es heißt Lanxess und soll an die Aktionäre verschenkt werden. Jeder, der zehn Bayer-Anteile besitzt, wird mit einem Lanxess-Papier zwangsbeglückt. Das heißt, abstimmen lässt man die Aktionäre schon. Am 17. November findet eine außerordentliche Hauptversammlung statt, die nichts anderes zum Thema hat. Aber die Ablehnung der Abspaltung verbietet sich schon aus Mangel an Alternativen.

Ob Kopfschmerztablette oder Kunststoff: Bayer verkaufte alles

"Ein wichtiger Meilenstein zur Neuausrichtung des Konzerns", wirbt Bayer-Chef Werner Wenning. Er weiß, für sein Unternehmen ist der Befreiungsschlag bitter notwendig. Bayer ist in der Krise. Als die Leverkusener vor drei Jahren den Cholesterinsenker Lipobay wegen Nebenwirkungen vom Markt nehmen mussten, wurden die Probleme offenbar. Betroffen war nicht nur der Pharmabereich, das Unternehmen hatte sich insgesamt verzettelt.

Früher waren alle Chemiekonzerne Konglomerate, dann begann sich die Branche auf Kernkompetenzen zu besinnen. Wettbewerber Hoechst entschied sich für Arzneien, BASF für Chemie. Bayer dagegen blieb der Gemischtwarenladen, der von Kopfschmerzpillen über Chemikalien bis hin zum Kunststoff-Fenster alles verkaufte. Begründet wurde das Ganze mit dem Prinzip der Risikostreuung. Tatsächlich verdienten die Leverkusener in den fetten Jahren mit ihren Chemikalien Geld, das sie in die Arzneiforschung stecken konnten. In den Konjunkturtälern dagegen war Pharma eine sichere Bank: Krank werden die Leute immer.

Risikostreuung, schöne Theorie. Wie das Schicksalsjahr 2001 zeigte, hatte sie ihre Grenzen. Just als Bayer Pharma mit Lipobay einen der wichtigsten Umsatzträger verlor, brach auch die Weltwirtschaft ein und mit ihr die Nachfrage nach Farben, Folien und Pflanzenschutz. Die Folge für Leverkusen: Statt sich gegenseitig zu stabilisieren, stürzten alle Sparten gleichzeitig ab. Bayer stand vor einem Scherbenhaufen.

Auch bei den anderen ging nicht alles glatt. Hoechst schmiedete zusammen mit Rhône-Poulenc den Pharmakonzern Aventis, der nach wenigen Jahren Existenz jüngst vom französischen Wettbewerber Sanofi übernommen wurde. Dauerstress für die Mitarbeiter. Aber immerhin: Sanofi-Aventis besetzt heute Platz drei der Pharma-Weltrangliste. Bayer dagegen rangiert abgeschlagen auf Platz 19. Auch bei Plaste und Elaste zogen andere vorbei.

Mit seinem Potenzmittel kam der Konzern zu spät

Jetzt will Bayer mit Superlativen punkten. Das ist schwer, zu groß ist die interne Konkurrenz um Investitionen. Die Führungsmannschaft kämpft an vielen Fronten gleichzeitig. Am ehesten wird es wohl im Landwirtschaftsgeschäft gelingen, einen Platz an der Weltspitze zu erringen. Noch ist der Schweizer Wettbewerber Syngenta die Nummer eins auf den Äckern, doch Bayer ist im Begriff, mit seinen Agrochemikalien aufzuholen. "Der Bereich läuft ganz gut", lobt Analyst Norbert Barth von der DZ Bank.