In den letzten Jahren schien der Jahrestag des Mauerfalls vor allem eines zu beweisen: die deutsche Fähigkeit, auch die glückhafteste Geschichtserfahrung in eine Quelle des unglücklichen Bewusstseins verwandeln zu können. An das üble Amalgam von Euphorie und Depression hatte man sich beinahe gewöhnt. Die aufgewühlten Gesichter an der Bornholmer Brücke, die große Sprechblase Wahnsinn darüber und dann den obligatorischen Verweis auf die Mauer in den Köpfen. Die deutsche Blamage schien chronisch zu sein. Entweder blamierten die begeisterten Massen die Folgegeschichte oder die Folgegeschichte blamierte die begeisterten Massen.

Aber etwas ist anders an diesem 15. Jahrestag. Die depressive Last ist weggeblasen. Vielleicht ist es der Überdruss an der eigenen Miesepeterei? Die große Zäsur und das annus mirabilis erscheint jetzt wieder unverstellt und nüchtern. Auch die Politik folgt der Tagesordnung. Der Kanzler beschränkt sich darauf, das Mauerfalljubiläum einen Tag der Freude zu nennen, aber auch der Scham - wegen der Reichspogromnacht, die sich ebenfalls jährt.

Eine Lakonie am Rande der Sprachlosigkeit. Die Regierung betreibt Alltag: Schröder spricht vor dem Transnet-Kongress, Schily redet über Mehr Sicherheit für lebenswerte Städte und Fischer tritt bei den Nordischen Tagen auf. Nur die Kulturministerin Weiss arbeitet sich an den Mauergedenkstätten ab. So wird der Tag denn vom bewährten Duo Bärbel Bohley und Helmut Kohl im Tränenpalast beendet.

Soll man nun den unfeierlichen Pragmatismus der Regierung beklagen, darin nationale Unzuverlässigkeit sehen und eine Linie bis zur Fummelei mit dem 3.

Oktober ziehen? Oder ist es nicht besser, dass dieses Datum, der 9. November, der Gesellschaft überlassen bleibt?

Die Verheißung des Mauerfalls spricht heute ungebrochener denn je. Doch eine kleine Pointe der Geschichte ist nachzutragen: Denn politisch fiel die Mauer, von der Öffentlichkeit unbemerkt, schon am 3. November. Am 3. November 1989 verzichtete die DDR auf die Wiedereinführung der Visumspflicht für die CSFR, die wiederum die Grenze nach Bayern aufgemacht hatte. Als der Autor dies seinerzeit kommentierte, hielt man ihn für verblendet. Erst Schabowski musste dem koexistenzfixierten Westen am 9. November die Realität bestätigen.

Dabei bedurfte es nur einer Tankfüllung für den Trabi, um von Karl-Marx-Stadt nach Nürnberg zu kommen. Damals hieß es: Seit dem 3. November ist nicht - wie es im Fernsehen hieß - die Mauer symbolisch gefallen: Nein, die Realität ist gefallen, und das Symbol steht in Berlin herum. Als die Massen aufbrachen, schliefen die Propheten. Vielleicht beklagten deswegen einige jahrelang die Mauer in den Köpfen?