In den Gesprächen, die ich in Riga mit Letten führte, erklang immer wieder eine markante Interjektion, ein kurzes, je nach Zusammenhang anders gefärbtes nuja, das mir als spontane Geste des Gemüts sofort verständlich war und mehr sagte als jedes übersetzte Wort. Dieses nuja ähnelt dem deutschen naja oder tja, ein Ausklingen und Anheben des Gesagten in einem, eine Wendung, die eine Tatsache bekräftigt und zugleich vom Tisch fegt. Dies nuja legt sich wie ein Pflaster über die offenen Stellen des Gemüts und lenkt die Stimmung dabei doch sanft in die Zustimmung. Eine merkwürdige Melange aus Duldung und Aufatmen prägt dieses nuja. Wer es hört, den zieht es mit, hinab ins Innere des Landes.

Alvis Hermanis, den Leiter des Jaunais Rigas Teatris, treffe ich nach der Vorstellung seiner Inszenierung von Gogols Revisor im Büro, einem kleinen Zimmer, in dessen angrenzendem Raum er mit Frau und Kind die ersten zwei Jahre nach der Übernahme des Theaters vor sieben Jahren gelebt hat. Auf der roten Couch saßen vor mir Marie Zimmermann von den Wiener Festwochen und Stefanie Carp aus Zürich, Matthias Lilienthal aus Berlin und Elisabeth Schweeger aus Frankfurt, auch Tankred Dorst war hier. Kurz nach mir wird Jürgen Flimm anreisen - der Regisseur Alvis Hermanis ist in der deutschsprachigen Theaterwelt inzwischen ein allseits umworbener Künstler.

Aber so, wie ich ihn kennen lerne, bin ich mir sicher, dass es ihn von hier nicht wegzieht. Er kennt die Welt, hat zwei Jahre in New York als Schauspieler gearbeitet und ist so seiner Einberufung zur Armee entgangen. Er war mit seinem Theater auf Gastspielreisen in Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden und Mexiko, und doch hält ihn etwas in Riga fest. Geht es ihm wie Heiner Müller, dem Wahlostberliner mit Reisepass? Der in seinem Material leben muss, weil nur aus der Poesieverweigerung seines Lebens die Poesie seiner Kunst entsteht?

Auf der Premierenfeier von Hermanis' jüngstem Projekt, den Lettischen Geschichten, lerne ich seinen Freund aus Köln kennen - einen Letten, der, kaum im Lande angekommen, nichts wie fort möchte. Gefällt es dir, fragt er mich, unser Bulettenland, unser Toilettenland? Als gemachter Mann, Freund von Jeff Koons und Partner eines deutschen Großverlegers, wollte er Anfang der neunziger Jahre beim wirtschaftlichen Neubeginn helfen. Doch die Funktionäre, die nun an die Macht kamen, sagten ihm: Die nächsten zehn Jahre gehören uns.

Sie hatten kein Interesse an weißen Geschäften, an seinen Kontakten und legalem Geld - eine Million Euro verschwand spurlos in einer lettischen Bank.

Dies Land bleibt klein, sagt er, Riga hat keine gute Ausstrahlung. Wir Letten wurden immer regiert, von Deutschen, Russen, Schweden, Deutschen, Russen - das prägt, sagt er und weist stolz auf Alvis: Er ist in diesem mediokren und korrupten Land ein Lichtblick, du verstehst? Und Alvis Hermanis hört zu, schenkt Grappa nach und sagt: Weißt du, bei der Olympiade in Athen, wer kann sich schon freuen, wenn ein Amerikaner gewinnt? Du willst immer auf der Seite der Starken sein.

Diese Lettischen Geschichten - man stelle sich vor, ein Theater in Deutschland wollte noch einmal das Ganze seines Landes fassen. Und würde zwanzig Schauspieler aussenden, die sich jeder je einen Menschen auswählen, dessen Leben sie für einige Monate teilen. Den sie begleiten, dessen Geschichte und Lebensumstände sie kennen lernen und dem sie so nahe kommen, dass sie seine lebende Kopie werden, ihm identisch in Gestus und Sprechweise, vertraut mit seinem intimsten Innenleben und seiner oberflächlichen Erscheinung. Und diese Kopie in Wort und Bild würde jeder der zwanzig Schauspieler wieder ins Theater tragen, Monate später, und vorstellen - unter dem Namen der Person, die der Schauspieler verkörpert wie ein Trickster - als er selbst und der andere. Plötzlich stehen sie da: der Priester, der ein Alkoholiker ist, und die Blinde aus dem Heim, die sich verliebt hat. Der Rekrut, der sich auf seinen Einsatz im Irak vorbereitet und zeigt, wie man sich mit 0,3 Liter Wasser in der Wüste den Körper wäscht. Das junge Mädchen, das in einer Stripteasebar lernt, wie sich Frauen erotisch bewegen. Oder zwei Waisen, die ihr Geld als Entertainer für Kinder auf den Partys der Neureichen verdienen - oder die geprügelte Frau, die ihren Mann verlässt und ihn vermisst. Und der einsame Rentner, der Bernstein sammelt, oder jenes Hochzeitsvideo, auf dem der schöne Trauzeuge unvermittelt am Herzinfarkt stirbt - all dies ergibt plötzlich ein Bild, das sonst nirgends erscheint.