Zunächst möchte ich sagen, dass ich mich hoffentlich irre. Schließlich habe ich mich auch bei der Wahl geirrt. Doch nach und nach musste ich gestern Nacht, als ich unsere Realityshow mit der höchsten Einschaltquote und der längsten Laufzeit sah - die Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten 2004 -, müde und widerstrebend erkennen, dass eine beträchtliche Mehrheit meiner Landsleute mein Verständnis vom Wesen unseres Landes und meine Perspektive seiner moralischen Zukunft nicht teilt. Die Menschen, die meine Perspektive nicht teilen, finden vielmehr (wie viele, viele andere), dass Schusswaffen hier leichter zu bekommen sein sollen, dass die Natur auf der ganzen Welt leiden soll, damit unsere Reichen noch reicher werden können, dass Religion und Regierung dichter zusammenrücken und das Leben bestimmen sollen und dass wissenschaftliche Forschung, die dem Menschen dient, durch die Religion beschränkt werden soll. Mehr noch - dass die älteren amerikanischen Bürger mehr für ihre Medikamente bezahlen sollen, dass Homosexuelle keine vollwertigen Bürger sind, dass der Irak-Krieg eine gute Sache ist, die den Verlust von Leben wert war, und dass man diesen Standpunkt am besten in die Tat umsetzt, indem man die Öffentlichkeit im großen Stil belügt.

Ich glaube das Gegenteil von all dem, und diese Wahl erschien mir aufgrund ihrer tiefgreifenden Auswirkungen auf das Wesen und die Zukunft meines Landes als die vermutlich bedeutsamste, an der ich mich je beteiligen würde. Doch nun, da George W. Bush wiedergewählt ist, führt mich mein Dissens mit ihm und den meisten meiner Mitwähler zu der Ansicht, dass mein Land doch nicht das gute, menschliche, alle einschließende, moralisch starke Land ist, für das ich es immer gehalten habe, und dass dieser Führer, diese Mehrheit, diese Werte zeigen, in welcher Verfassung wir hier jetzt wirklich sind. Wer glaubte, die Wahl davor sei eine Verirrung gewesen, hat sich gründlich geirrt. So ist Amerika jetzt - und das ist schwer zu verkraften, wenn man wie ich sein Land liebt und sich als Patriot sieht.

Ich bin sechzig Jahre alt - eigentlich kein Alter. Ich bin nicht arm. Ich habe Arbeit. Ich habe keine Kinder, die in der Armee sind. Gesundheitlich ist alles in Ordnung. Ich bin nicht homosexuell. Ich bin nicht ungewollt schwanger. Ich bin keine Minderheit. Ich bin nicht Soldat. Mit anderen Worten: Mir geht's ganz gut. Daher spüre ich angesichts der Verstörung, die ich gerade zum Ausdruck gebracht habe, die Versuchung, den Fernseher für vier Jahre abzustellen und mir Gedanken über, nun ja ... andere Dinge zu machen: mein Leben, meine finanzielle Zukunft, vielleicht einen neuen Wagen, das Buch, an dem ich gerade schreibe, mein privates Glück und darüber, wie ich es sicherstellen kann. So fühlt es sich jetzt hier an, wenn man Überzeugungen hat wie ich: Man hat einen Verlust erlitten, alles ist auch ein bisschen sinnlos, es fehlt eine gute Idee, jetzt, da so viele gute Ideen, so viele kostbare Kräfte, so viel wertvolle Lebenszeit vergeblich für unsere Sache eingesetzt wurden. Die Ärmel aufkrempeln und sich wieder in den Kampf stürzen - das klingt wie ein sehr altes Rezept. Sollen doch die anderen jetzt den Laden schmeißen und eine Weile in ihrem Amerika leben - dem zu widerstehen dürfte vielen schwer fallen. Denn genau das hätten sie ja gern - diejenigen, die es sich leisten können. Und natürlich könnte man auch einfach fortgehen.

Die Geschichte erzählt vom Leben der Sieger. Das wissen wir alle. Und aus der Geschichte ziehen wir die Lehren für die Zukunft. Heute - ein sehr schlechter Tag in Amerika, wenn Sie zu meinen 49 Prozent gehören - fällt es sehr schwer, zu glauben, dass die Verlierer das Kommende beeinflussen könnten, schwer sogar, zu erkennen, was eine gute Idee ist.

Aber vermutlich wird unser Charakter auf die Probe gestellt: Sind wir imstande, eine gute Idee zu erkennen oder eine zu entwickeln, wenn sie gebraucht wird? Und weiß Gott, eine bessere Idee wird hier jetzt wirklich dringend gebraucht.

Der amerikanische Schriftsteller Richard Ford, geboren 1944, hat fünf Romane und zwei Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Für seinen Roman Unabhängigkeitstag erhielt er den Pulitzer-Preis und den Faulkner-Preis

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld